Der Strommarkt Teil I: Warum der Strommarkt keine heilige Kuh sein sollte

Autoren: Bernhard Sutter, Jรถrg Hofstetter —

Seien es negative Strompreise oder die Umsetzung des Stromabkommens mit der EU, der Strommarkt steht zur Zeit oft im Zentrum von hitzigen Diskussionen. Um den Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion langfristig zu sichern oder ein Stromabkommen mit der EU einordnen zu kรถnnen, ist ein gutes Verstรคndnis des Strommarkts entscheidend. In einer mehrteiligen Serie wird dieses Thema daher aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Der erste Beitrag untersucht โ€“ auf Grundlage eines wissenschaftlichen Artikels โ€“ die Auswirkungen von COโ‚‚-Steuern und Subventionen fรผr erneuerbare Energien auf die Strompreise.

Mรคrkte sind nicht naturgegeben, sondern sind wirtschaftliche und politische Instrumente mit einem bestimmten Zweck und erhofften Nutzen. Der Strommarkt hat sich soweit als effizient erwiesen fรผr die kurzfristige Steuerung von Angebot und Nachfrage, was oft zu sinkenden Strompreisen gefรผhrt hat. Derselbe Markt ist aber weit weniger effektiv als Mittel zur Sicherung langfristiger Investitionen, einer langfristig zuverlรคssigen Stromversorgung oder zum Erreichen von Klimapolitischen Zielen.

Viele Lรคnder (unter anderem auch die EU oder die Schweiz), haben daher eine Vielzahl von weiteren energiepolitischen Massnahmen implementiert, welche den Strommarkt zum Teil stark verzerren. Dadurch reprรคsentiert der Marktpreis fรผr Strom an der Bรถrse oft einen immer kleineren Teil der tatsรคchlichen Kosten einer zuverlรคssigen und umweltfreundlichen Stromversorgung.

Dies ist nicht unbedingt ein Problem, so lange wir den Strommarkt bewusst nur als ein Mittel zum Zweck betrachten – eines von mehreren aus einem Portfolio von energiepolitischen Massnahmen.

Anhand eines wissenschaftlichen Artikels aus dem Jahre 2021 versuchen wir nun zu illustrieren, wie verschiedene klimapolitische Massnahmen (z.B. Subventionen oder CO2 Abgaben) den Strommarkt stark beeinflussen und wie dieser dadurch immer weniger zu einem zuverlรคssigen Gradmesser fรผr den tatsรคchlichen Wert von Strom wird.

Seit der (Teil-)Liberalisierung der Stromversorgung vor ca. 30 Jahren ist heute vor allem die Strombรถrse dafรผr zustรคndig, den aktuellen Marktpreis fรผr Strom zu bestimmen. Diese bestimmt zu jeder Zeit (Stunden oder 15 Minuten Intervalle) welche Produzenten aufgrund deren momentanen Produktionskosten (Grenzkosten) zur Deckung des Verbrauchs ausgewรคhlt werden (Merit-Order).

Fragen wie Umweltschutz, langfristige Versorgungssicherheit oder ob der durchschnittliche Erlรถs am Markt es den Produzenten erlaubt ihre Investitionen zu amortisieren sind in dieser Logik des Marktes kein Faktor. Die Politik muss diese Fragen ausserhalb des Marktes lรถsen.

Zum Zeitpunkt der Studie (2021) hatte die Stromproduktion aus Erdgas in Europa mit ca 40 Euro pro MWh die tiefsten Produktionskosten.

Angenommen als politische Gemeinschaft wollen wir jedoch eine mรถglichst CO2 Neutrale Stromversorgung. Solange fossile Stromproduktion billiger ist als CO2-arme, bleiben uns als Regulator des Strommarktes grundsรคtzlich zwei Arten von Massnahmen:

Einerseits CO2-arme Technologien fรถrdern und damit gegen gรผnstigere Konkurrenten „in den Markt drรผcken“ (push) oder via CO2 Abgaben die Kosten der CO2 reichen Technologien erhรถhen und damit die Konkurrenzfรคhigkeit der CO2-armen Technologien zu erhรถhen (pull).

Mit Push-Politik fallen die Marktpreise durch den Einfluss von Subventionen immer tiefer gegen Null wรคhrend die Kosten fรผr die Subventionen steigen, um die wirklichen Systemkosten zu decken. Mit der Pull-Politik steigen die Marktpreise hรถher als die eigentliche Systemkosten, wobei der Ertrag aus den CO2 Abgaben wieder an die Stromverbraucher zurรผckgegeben werden kann.

Bildquelle: [1]

Die obige Grafik zeigt den Einfluss von zwei Szenarien: rot fรผr die Push-Politik, also die Fรถrderung von โ€œVariablen Erneuerbaren Energienโ€ (VRE) in der Form von Wind und Solar beziehungsweise blau fรผr Pull-Politik in der Form eine entsprechende CO2 Abgabe. Wir sehen, dass in beiden Fรคllen die wahren Systemkosten praktisch gleich sind, wobei aber die vordergrรผndigen Strommarktpreise abnehmen beziehungsweise steigen je hรถher der Anteil von Stromerzeugung aus Wind und PV (gestrichelte Linien). Das heisst, je mehr Subventionen ins Energiesystem fliessen oder je mehr CO2 Steuern abgezogen werden, desto mehr entfernt sich der durchschnittliche Marktpreis in die entsprechende Richtung von den Systemkosten. Dies muss nicht unbedingt schlecht sein, solange wir uns dier Effekte bewusst sind.

Die Netto-Null Politik der Schweiz oder der EU basieren auf einer Mischung dieser Massnahmen. Einerseits gibt es ein CO2 Abgaben und andererseits subventionieren wir explizit und implizit alle CO2-armen Technologien zur Stromerzeugung – inklusive PV, Wind, Wasser oder AKWs.

Der heutige Strommarkt ist sicherlich ein effizientes Instrument zur kurzfristigen Steuerung von Angebot und Nachfrage und es macht durchaus Sinn diese Instrument in nรคchster Zeit zu diesem Zweck weiter zu entwickeln. Dies wird gerade auch im Kontext des Stromabkommens mit der EU in nรคchster Zeit zu intensiven Diskussionen fรผhren.

Wenn wir weiterhin eine CO2-arme, langfristig stabile und zuverlรคssige Stromversorgung wollen, dann mรผssen wir auch weiterhin bereit sein, diese wenn nรถtig ausserhalb des Strommarktes zu finanzieren. Einige der dazu geeigneten Instrumente werden wir im dritten Teil dieser Reihe diskutieren..

Wir sollten den Strommarkts also nicht als idealisiertes oder naturgegebenes Allerheilmittel verstehen, sondern als eines von mehreren nรผtzlichen Instrumenten um unsere vielfรคltigen und manchmal gegensรคtzlichen Ziele in der Energiepolitik zu erreichen: eine mรถglichst umweltfreundliche, zuverlรคssige und wirtschaftlich effiziente Energieversorgung.

[1]: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0140988321002607 – Brown, T. & Reichenberg, L., 2021. „Decreasing market value of variable renewables can be avoided by policy action,“ Energy Economics, Elsevier, vol. 100(C).


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