Axpo-Studie: Wie real ist der Preisvorteil der Atomkraft?

Autoren: Jรถrg Hofstetter, Bernhard Suter —

Der Energiekonzern Axpo hat in einer umfassenden Studie zwei Stromszenarien bis 2050 miteinander verglichen. Diese unterscheiden sich insbesondere darin, wie die berรผhmte ยซWinterstromlรผckeยป geschlossen werden soll. Dabei scheint vordergrรผndig die Variante mit AKWs die gรผnstigere zu sein. Aber wie so oft trรผgt auch hier der erste Schein!

Details zum fundierten Vergleich der Stromszenarien finden sich einerseits in einem mehrteiligen Energie Report und in konzentrierter Form auf dem Axpo Power Switcher. Die verglichenen Konzepte zeigen beide einen gangbaren Weg auf, wie der Strombedarf in den Wintermonaten trotz Produktionseinbruch der Photovoltaik (PV) bis ins Jahr 2050 gewรคhrleistet werden kann. Das Szenario ยซErneuerbare + Gasยป setzt dabei ab 2040 auf den Einsatz von COโ‚‚โ€‘freien Gaskraftwerken, das Szenario ยซKoexistenzยป auf neue AKWs.

Aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung der Stromerzeugung weichen die Kosten der beiden Szenarien voneinander ab. Dabei fรคllt auf, dass das Szenario mit AKWs (โ€Koexistenzโ€) gรผnstiger abschneidet, was eher auffรคllig ist. Dieser Aspekt und auch der direkte Kostenvergleich zwischen PVโ€‘Strom und Atomstrom wurden in der Folge in den Medien etwas eigenwillig interpretiert. Wir haben die Kostenberechnungen unter die Lupe genommen, mit folgenden Befunden:

  • Die Kosten fรผr ein neues AKW wurden in der erwรคhnten Studie ausserordentlich optimistisch gerechnet. Wir haben bereits in einem frรผheren Bericht darauf hingewiesen und einen Vergleich mit real existierenden Projekten erstellt, siehe โ€œAKW Neubau – Blick ins Finanzloch?โ€.
  • Der direkte Vergleich der Stromgestehungskosten von PV-Strom und Atomstrom irritiert, wird Atomstrom doch als billiger angenommen, was im Widerspruch zu anderen Studien steht. Diese Irritation entsteht dadurch, dass die Axpo die Kosten des PV-Stromes anhand kleiner Dachanlagen (< 30 kW) festlegt. Solche kleine Anlagen produzieren eher teuer, es gibt aber auch grรถssere, billigere Anlagen. Dies wurde im Strommix nicht berรผcksichtigt. Leider fehlt hier aktuell eine realistische Mischrechnung.
  • Die Szenariokosten der AKWโ€‘Variante werden dadurch gรผnstiger, indem die Laufzeiten der bestehenden, amortisierten AKWs bis knapp vor 2050 verlรคngert werden, die neuen AKWs erst gegen 2050 Strom produzieren. Das fรผhrt dazu, dass in der Kostenberechnung die hรถheren Kosten neuer AKWs erst ab 2050 zum Tragen kommen. Die Axpo zeigt dies auch transparent auf und sagt selbst, dass die beiden Varianten ab 2050 etwa gleich teuer sind.

Vertiefung: Berechnung der Stromgestehungskosten

Bei den Stromgestehungskosten, oder den sog. ยซLevelized Cost of Electricityยป (LCOE) geht es darum, fรผr jede Technologie zu ermitteln, wie viel eine bestimmte Menge Energie pro Produktionstechnologie kostet.

In einem ersten Schritt werden dazu fรผr jede Technologie die Bau- und Rรผckbaukosten auf die gesamte Lebensdauer einer Anlage verteilt und dann die jรคhrlichen Betriebskosten hinzugefรผgt. Anhand einer typischen jรคhrlichen Stromproduktion wird so ermittelt, was eine bestimmte Menge an Strom pro Technologie kostet (Fr/MWh), man spricht auch von den ยซLevelized Cost of Electricityยป (LCOE). Diese Werte kรถnnen sich wegen des technischen Fortschritts mit den Jahren verรคndern. Das folgende Diagramm zeigt solche Berechnungen. Man sieht sofort, dass es pro Technologie nicht einfach einen fixen Wert, sondern einen mรถglichen Wertebereich gibt.


/


Fig. 1 Levelized Cost of Electricity (LCOE), hier in โ‚ฌCent/kWh, Fraunhofer-Institut



Fig. 2 Spannweite und verwendeter Referenzpreis von PV-Anlagen in der Schweiz, Axpo Energy Report Solarenergie.

Beim Vergleich der Einheiten der beiden Grafiken gilt die Faustformel: 1 Euro-Cent/kWh entspricht ungefรคhr 10 Fr/MWh.

In dieser Grafik wird deutlich, dass kleine Anlagen (<30kW) bedeutend teurer als grรถssere Anlagen oder Freiflรคchen-Anlagen produzieren. Die unterschiedlichen Preise ergeben sich nicht aus den Preisen fรผr die Paneele, sondern aus den Baukosten und den technischen Zusatzanlagen.

Hintergrรผnde PV-Kosten

Photovoltaik (PV) gilt weltweit als eine der Technologien mit den niedrigsten Gestehungskosten fรผr neue Anlagen. Aber natรผrlich ist Strom nicht aus allen Anlagen gleich teuer โ€“ je nach Grรถsse und baulicher Komplexitรคt der Anlage, aber auch der geografischen Lage.

Da auch in der Schweiz jedes Jahr viele neue PV-Anlagen gebaut werden, lassen sich die aktuellen Kosten sehr gut aufgrund dieser Daten bestimmen. Der Solarenergiebericht der Axpo enthรคlt basierend auf diesen Daten detaillierte Berechnungen zu den Stromgestehungskosten im Jahr 2025 fรผr folgende Kategorien von Anlagen (Kapitel 5, S. 43 ff., Abbildung 11):

AnlagentypStromgestehungskosten
in Rp./kWh (Referenzannahme)
Dach < 30 kW (klein)15
Dach 30-100 kW (mitttel)10
Dach > 100 kW (gross)8
Freiflรคche8
Alpin-PV18

Die Kosten fรผr 2050 sind als ca. 20 % tiefer angenommen als fรผr 2026.

Die Berechnungen basieren auf einer Betriebszeit von 30 Jahren. Solange das Dach nicht saniert oder umgebaut werden muss, kรถnnen alte PV-Anlagen auch nach dieser Zeit ohne Weiteres noch fรผr 10โ€“20 Jahre Strom mit Gestehungskosten zu 0 Rp/kWh produzieren.

Im Vergleich zu den Annahmen des Fraunhofer-Instituts fรผr Deutschland in der obigen Grafik liegen die Zahlen der Axpo fรผr die Schweiz fรผr vergleichbare Anlagen im vergleichbaren Rahmen, leicht nach oben verschoben wegen der generell hรถheren Preise fรผr Materialien und Arbeit in der Schweiz.

Fรผr die Berechnung der Szenariokosten im Axpo Power Switcher verwendet die Axpo jedoch nur eine Kategorie fรผr PV-Dachanlagen mit einem Preis von 13,6 Rp/kWh im Jahr 2050, was ganz klar am oberen Ende des Spektrums der eigenen Berechnungen liegt!

Wenn wir unterschiedliche Dachanlagen mit unterschiedlichen Preisen in einer Kategorie mischen, dann sollten wir uns รผber das Mischverhรคltnis klare Gedanken machen. Entweder erfolgt die Gewichtung auf Basis der im Jahresbericht PV 2024 dokumentierten Grรถssenklassen anteilig an deren jeweiliger Einspeiseleistung. Damit erhalten wir gemischte Gestehungskosten fรผr alle PV-Dachanlagen von ca. 10,8 Rp/kWh (8,6 Rp im Jahr 2050). Oder wir gewichten nach dem Potenzial der verschiedenen Dachflรคchengrรถssen (vgl. Axpo Bericht Seite 14). Unter der Annahme eines gleichmรคssigen Ausbaus โ€“ statt der aktuellen Fokussierung auf grossflรคchige, effizientere Anlagen โ€“ ergeben sich gemischte Gestehungskosten von 12 Rp/kWh (9,6 Rp im Jahr 2050).

Fรผr den Neubau von zwei AKWs schรคtzt die Axpo einen Referenzpreis fรผr Gestehungskosten von ca. 10,8 Rp/kWh (Streubereich 8โ€“15). Da in der Schweiz seit 1984 kein AKW mehr gebaut wurde, gibt es keine empirischen Daten fรผr diese Berechnungen. Im Vergleich zu den wenigen in Europa und den USA in den letzten Jahrzehnten gebauten AKW finden wir diese Schรคtzungen der Axpo sehr tief. Gemรคss optimistischen Schรคtzungen liegen die Gestehungskosten dieser kรผrzlich gebauten AKW bei mindestens ca. 130 Euro/MWh โ€“ ohne Berรผcksichtigung von indirekten Fรถrderungen.

Unter Berรผcksichtigung eines standortspezifischen Aufschlags von 10โ€“20 % fรผr Schweizer Kostenstrukturen sowie verschรคrfter regulatorischer Anforderungen (โ€นSwiss Finishโ€บ) ist fรผr neuen Atomstrom im Jahr 2050 von Gestehungskosten von mindestens 15 Rp/kWh auszugehen.

Wir kรถnnen damit mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass auch in der Schweiz Strom aus den relativ teuren PV-Dachanlagen billiger sein wird als der Strom aus neuen AKWs.

Hintergrรผnde Szenariokosten

Selbst unter Zugrundelegung der Axpo-Kostensรคtze gerรคt das Narrativ vom gรผnstigen Atomstrom ins Wanken. Der Grund: Die Axpo ermittelt die Szenariokosten lediglich bis zum Jahr 2050. Dieser Umstand erzeugt im Szenario ยซKoexistenzยป einen optischen Kostenvorteil, der die tatsรคchlichen Aufwendungen verschleiert.

Wรคhrend im Szenario ยซErneuerbare + Gasยป die AKWs stufenweise bis 2045 abgeschaltet werden, rechnet die Axpo im Szenario ยซKoexistenzยป mit Laufzeitverlรคngerungen der gรผnstigen, alten Reaktoren bis gegen 2050. Da die Axpo die Szenariokosten von heute bis 2050 erfasst, die teureren Neubauten aber erst ab 2049 einen Beitrag leisten, fallen die hรถheren Kosten der neuen AKWs in der Bilanz bis 2050 kaum ins Gewicht.

Die Axpo-Studie weist transparent auf diesen Umstand hin. So steht auf S. 41, dass der Langzeitbetrieb (LZB) bei der Kernenergie Kostenvorteile beim Szenario ยซKoexistenzยป bringt. Die Folge davon sei, dass das Szenario ยซErneuerbare + Gasยป insbesondere in frรผheren Jahren etwas teurer ausfรคllt, ab 2050 in etwa vergleichbare jรคhrliche Kosten entstehen! โ€“ So weit, so gut, doch wer liest sich schon so detailliert in die Unterlagen ein?

Fazit

Die Schlussfolgerung, ein Szenario mit Kernkraftwerken sei kosteneffizienter, lรคsst sich aus der vorliegenden Studie nicht ableiten. Ebenso hรคlt der medial verbreitete Vergleich der Produktionskosten zwischen Photovoltaik und Kernenergie einer fachlichen Prรผfung nicht stand.

Trotz punktueller Mรคngel verdeutlicht die Axpo-Studie, dass beide untersuchten Szenarien die Stromversorgung sicherstellen kรถnnen und finanziell nahe beieinanderliegen. In der politischen Diskussion kรถnnen wir uns daher auf die entscheidenden qualitativen Unterschiede konzentrieren: Das Szenario ยซErneuerbare + Gasยป respektiert den gesellschaftlichen Konsens zum AKW-Ausstieg und eliminiert die Abhรคngigkeiten sowie Risiken neuer Reaktoren. Dass dies der richtige Weg ist, darin sind wir uns mit dem Axpo-Chef einig (3).

PS: Es bleibt die spannende Frage, ob ein Szenario, das die Winterstromlรผcke vollstรคndig durch optimal abgestimmte erneuerbare Quellen โ€“ insbesondere Windkraft und alpine Photovoltaik โ€“ deckt, nicht auch wirtschaftlich vertretbar wรคre. Doch diese Diskussion vertiefen wir ein andermal.


Entdecke mehr von CO2 Netto-Null bis 2050

Melde dich fรผr ein Abonnement an, um die neuesten Beitrรคge per E-Mail zu erhalten.

2 thoughts on “Axpo-Studie: Wie real ist der Preisvorteil der Atomkraft?

Add yours

  1. Eine Frage zu den PV-Kosten von Kleinanlagen im Axpo-Bericht Dach < 30 kW: Es werden 15 Rp/kWh angenommen, obschon heute praktisch niemand mehr so viel bekommt. Wรคre es nicht realistischer, den aktuellen und zukรผnftig zu erwartenden Referenzmarktpreis als Basis zu nehmen? Ich erachte es als wenig wahrscheinlich, dass damit auch fรผr die kleinen Anlagen auf dem Markt mehr als 10 Rp/kWh bezahlt werden

  2. In unserem Bericht geht es um Gestehungskosten (siehe dazu auch den Vertiefungskasten im Bericht), die anhand der gesamten Lebensdauer einer Anlage ermittelt werden. Diese Kosten kรถnnen nicht direkt mit den Marktpreisen fรผr Produzenten verglichen werden.

Antworte auf den Kommentar von joerghofstetterAntwort abbrechen

Bereitgestellt von WordPress.com.

Up ↑

Entdecke mehr von CO2 Netto-Null bis 2050

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen