Autor: Bernhard Suter —
Schon seit einigen Jahren sind Photovoltaik und Windkraft weltweit die netto gรผnstigsten Quellen fรผr neue Stromerzeugung. Doch das Argument der Kritiker war stets: โUnd was ist, wenn die Sonne nicht scheint?โ
Unterdessen ist die Technologie weiter: An klimatisch besonders privilegierten Orten ist eine Kombination aus Erneuerbaren plus Speicher (Hybrid-Kraftwerke) inzwischen die billigste Art, rund um die Uhr die nรถtige Menge Strom zu produzieren โ und zwar mit zuverlรคssiger Lastfolge an 365 Tagen im Jahr.
Zu diesem Anlass sind kรผrzlich einige interessante Studien erschienen:
- โHow cheap is battery storage?โ, Ember, Dezember 2025.
- โ24/7 renewables: The economics of firm solar and windโ, IRENA, Mai 2026
Es gibt bereits heute Regionen mit so konstanten Bedingungen, dass ein Stromsystem auf reiner Basis von Sonne, Wind und Batterien die gรผnstigste Lรถsung ist. Je weiter die Preise fรผr Batteriespeicher in den kommenden Jahren sinken, desto klarer und universeller wird dieser Preisvorteil weltweit werden.
Vertiefung: F-LCOE oder wie misst man die wahren Kosten von 24/7-รkostrom?
Aus Sicht von Energie-Szenarien und Analysen besonders interessant ist der Bericht der IRENA, der Internationalen Agentur fรผr Erneuerbare Energien. Denn dieser prรคsentiert mit โFirm-LCOEโ (Geglรคttete Gestehungskosten) eine neue Metrik um die Wirtschaftlichkeit von verschiedenen Arten der Stromproduktion miteinander zu vergleichen.
Die am breitesten akzeptierte Metrik zu Kostenvergleich von Stromerzeugung sind die Stromgestehungskosten oder Levelized Cost of Electricity (LCOE). Wir haben auch kรผrzlich in diesem Artikel das Konzept der Stromgestehungskosten und deren Berechnung erklรคrt.
Gegner der Energiewende argumentierten mit einem gewissen Recht, dass diese Zahl unvollstรคndig ist. Sie blendet die โSystemkostenโ aus โ also das, was es kostet, das Netz stabil zu halten und dafรผr zu sorgen, dass Strom immer dann verfรผgbar ist, wenn er gebraucht wird.
Bisherige Versuche, diese Systemkosten in neue Formeln zu pressen (z.B. LFSCOE, System LCOE, S-LCOE, LCOLC) , endeten meist in hochkomplizierten und abstrakten Computermodellen, von denen sich nur schwer allgemeingรผltige Schlussfolgerungen ziehen lassen. Fรผr Investoren oder Politiker, die wissen wollen: โSollen wir eher Kraftwerk A oder Kraftwerk B bauen?โ, sind diese kaum hilfreich.
LCOE hat nach wie vor den Vorteil, dass es aus der Perspektive jedes einzelnen Kraftwerkbetreibers den ersten Schritt zur Profitabilitรคtsrechnung bildet, wรคhrend die Systemkosten von der Allgemeinheit getragen werden und auch buchhalterisch nicht einfach einer bestimmten Anlage zuzuschreiben sind.
Mit sinkendem Marktwert von reiner PV Produktion und den sinkenden Kosten von Batteriespeichern wird es immer weniger rentabel reine PV Anlagen zu bauen. Ausserdem wird es in vielen Lรคndern immer schwieriger Anlagen mit hoher Spitzenleistung ans Stromnetz anzuschliessen, so dass viele Neubauprojekte fรผr erneuerbare Produktionsanlagen heute lange Zeit auf einen Netzanschluss warten.
Daher verlagert sich der Fokus von Investoren immer mehr Richtung Erneuerbaren + Batterie Hybrid-Anlagen, welche dann Strom produzieren kรถnnen, wenn dieser auch gefragt ist.
Von LCOE zu F-LCOE
Genau hier setzt die neue F-LCOE (Firm LCOE) Metrik an, welche im IRENA Bericht beschrieben wird.
Diese neue Metrik berechnet mit welchen Kosten ein potentielles Hybrikraftwerk mit einer gewissen Zuverlรคssigkeit รผber ein ganzes Jahr 24/7 jederzeit eine konstante Menge Strom produzieren kann.
Diese Grundlast oder Bandlast mag aus heutiger Sicht nicht besonders sinnvoll sein, da genaue Lastfolge zu jeder Zeit das eigentlich Ziel der Stromversorgung ist. Grundlast als Messlatte ist jedoch einfach zu verstehen, zu vergleichen und kann einfach in standardisierten Terminvertrรคgen gehandelt werden.
Die Mittel, welche zur Verfรผgung stehen um die unregelmรคssige Produktion zu glรคtten, sind unter anderem komplementรคre Produktion (Kombination von PV & Wind auf dem gleichen Areal), รberkapazitรคt und Abregelung sowie Batteriespeicher. Je nach Situation und geographischer Lage ergibt sich dann ein optimaler F-LCOE Kostenpunkt fรผr die Anlage.
Wegen Wartung und Pannen erreicht kein Grundlast-Kraftwerk eine jรคhrliche Zuverlรคssigkeit von 100%. 80% bis 90% sind in der Regel schon sehr hoch. Fรผr Hybrid-Anlagen ist die Zuverlรคssigkeit weniger durch Pannen beschrรคnkt, sondern durch ungewรถhnliche Wetter-Ereignisse (z.B. โDunkelflautenโ), fรผr welche der Speicher nicht gross genug ist.
Die F-LCOE Metrik berechnet sich als die Summe der traditionellen Gestehungskosten fรผr den Strom (LCOE) plus eine Glรคttungsprรคmie bestehend aus den Kosten fรผr Speicher, Verluste und Abregelung. Mit dieser Aufteilung lรคsst sich auch abschรคtzen, welche Kosten ein nicht-hybrides PV oder Wind Kraftwerk fรผr den erforderlichen Ausgleich auf das Gesamtsystem รผbertrรคgt
Wรคhrend die Berechnung der Gestehungskosten auf einer buchhalterischen Amortisationsformel basieren, mรผssen wir fรผr die Glรคttungsprรคmie ein Optimierungsproblem lรถsen, basierend auf dem stรผndlichen Produktionsvolumen und netto Gestehungskosten fรผr die erneuerbare Stromerzeugung, den Speicherkosten und der erwarteten Zuverlรคssigkeit.
Hier sind ein paar Bespiele aus dem IRENA Bericht fรผr F-LCOE Werte mit 95% Zuverlรคssigkeit, basierend auf realen Kosten von 2025 sowie in Klammern auf geschรคtzten Kosten fรผr 2030. Dies fรผr besonders gรผnstige Lagen in Europa sowie ein Vergleich zu China mit tieferen Speicherkosten:
| Ort / Stromquelle | LCOE ($/MWh) | Glรคttungsยญprรคmie ($/MWh) | F-LCOE ($/MWh) |
|---|---|---|---|
| PV & Batterie, Tabernas, Spanien | 35 (20) | 58 (41) | 91 (61) |
| Wind & Batterie, Schleswig-Holstein, Deutschland | 40 (34) | 51 (39) | 91 (73) |
| PV & Batterie, Hebei, China | 26 (16) | 28 (21) | 54 (37) |
| Wind & Batterie, Innere Mongolei, China | 26 (23) | 33 (26) | 59 (49) |
Im Gegensatz zu einem Modell der gesamten Systemkosten hat F-LCOE den Vorteil, dass es weiterhin die Kosten-Grundlage fรผr jede moderne, hybrid-erneuerbare Anlage darstellt. Dies hilft zum Beispiel politische oder wirtschaftliche Entscheide zu treffen, welche Technologie wir wรคhlen sollten.
Eine Debatte um Kosten-Metriken mag esoterisch erscheinen, ist aber dennoch wichtig fรผr die langfristige Planbarkeit unserer Energiepolitik – oder in den Worten von Management-Theoretiker Peter Drucker: โWas man nicht messen kann, kann man nicht lenken.โ
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