Autor: Bernhard Suter —
Welche Massnahmen würden helfen, kurzfristig den Verbrauch von Öl und Ölprodukten zu senken und uns langfristig dem CO2-Netto-Null Ziel näherzubringen?
Die vielversprechendsten kurzfristigen Massnahmen sollten den Hebel dort ansetzen, wo ein Technologiewandel von fossiler zu elektrischer Alternative ohnehin schon nahe an einem Kipppunkt steht, wie zum Beispiel bei der Elektrifizierung des Strassenverkehrs.
Kipppunkte
Wenn eine neue Technologie ausgereifter und billiger wird, dann gibt es grundsätzlich drei wirtschaftliche Kipppunkte, welche den Technologiewandel beschleunigen können:
- Die neue Lösung ist generell teurer, aber es gibt ein gewisses Kundensegment, welches bereit ist, einen Aufpreis zu bezahlen. Die Gründe dafür können vielfältig sein: die Befriedigung, etwas Gutes zu tun, Respekt und sozialer Status (virtue signaling) oder im Fall von Firmen ein positiver Einfluss auf das Image.
- Die neue Lösung ist bei der Anschaffung teurer, hat aber langfristig tiefere Gesamtkosten (TCO – Total Cost of Ownership) und kann dadurch attraktiv sein für ein Kundensegment, welches langfristig wirtschaftlich plant. Da langfristige Investitionen immer ein Risiko tragen, ist es essenziell, wie lange die Amortisationszeit dauert, bei der die höheren Anschaffungskosten durch die tieferen Betriebskosten wettgemacht werden. Für kommerzielle Leasing-Flotten müsste diese Amortisationszeit unter der üblichen Nutzungsdauer von 3 bis 6 Jahren liegen.
- Die neue Lösung ist billiger bei der Anschaffung und beim Betrieb. Ab diesem Punkt ist der Technologiewandel langfristig kaum mehr aufzuhalten.
Elektroautos liegen heute knapp vor dem 3. Kipppunkt, Elektrolastwagen in der Schweiz vor dem 2. – vor allem dank Befreiung von der Schwerverkehrsabgabe. Norwegen, das einzige Land in Europa mit einem EV-Marktanteil von fast 100 %, hat durch Regulierung den 3. Kipppunkt forciert: Neue Elektrofahrzeuge sind teilweise von der 25 % MwSt. befreit und neue Benzinautos erfordern eine vorgezogene CO2-Abgabe bei der Registrierung, wodurch Autos mit Elektroantrieb generell billiger geworden sind als vergleichbare Autos mit Verbrenner.
Neben rein wirtschaftlichen Kriterien gibt es auch weitere Kriterien, welche den Durchbruch einer neuen Lösung beschleunigen oder bremsen. Mobility-Carsharing hat zum Beispiel festgestellt, dass auch bei identischen Preisen die Nachfrage an rein elektrischen Standorten um bis zu 20 % sinkt. Dies deutet auf erhebliche Berührungsängste und Verunsicherungen im Umgang mit E-Autos hin.
Der Verkauf von E-Autos ist in den letzten Wochen seit Beginn der Ölkrise bereits spürbar gestiegen. Was könnten wir also noch tun, um den Prozess weiter zu beschleunigen?
Benzin sparen durch Verschrottungsprämie?
Eine extreme aber schnell wirkende Massnahme wäre, ältere Autos mit überdurchschnittlichem Benzinverbrauch gezielt aufzukaufen und permanent ausser Verkehr zu ziehen.
Solche Verschrottungsprämien hat es in einigen Ländern bereits 2009 gegeben, auch mit dem Hintergedanken, die von der Finanzkrise angeschlagene Autoindustrie zu unterstützen. Ein solches Programm muss aber nicht zwangsläufig auf staatlicher Ebene betrieben werden, es könnte auch von Kantonen, Städten oder privaten Organisationen wie z.B. Auto-Importeuren initiiert werden.
Gerade für Städte könnte es sich lohnen, die Anzahl der Verbrenner auf der Strasse zu reduzieren, da sich dies lokal auch positiv auf die Luftverschmutzung und Lärmbelastung auswirken würde.
Um auf den Benzinverbrauch und die CO2-Emissionen einen wirksamen Einfluss zu haben, müssten die zur Teilnahme berechtigten Fahrzeuge überdurchschnittlich viel CO₂ ausstossen – entweder durch unterdurchschnittliche Effizienz oder überdurchschnittlich viel gefahrene Kilometer. Und diese dürften nicht wieder durch einen Verbrenner ersetzt werden.
Diese Studie im Auftrag von Energie Schweiz und dem BfE hat gezeigt, dass es sich aus Sicht der CO2 Bilanz bei ca. 90% aller registrierten Benzinautos lohnen würde, diese sofort durch ein vergleichbares Elektroauto zu ersetzen. Dies lohnt sich sogar für ganz neue Autos, solange die jährliche Fahrleistung mindestens 8’000 km beträgt (Durchschnitt ca. 10’000 km pro Jahr).
Bei einem 10 jährigen Auto mit ca.120’000 km könnten durch sofortigen Ersatz auf die restliche Lebensdauer vielleicht noch ca. 10 Tonnen CO2 eingespart werden. Für ein neues Auto wäre die Einsparung ca. 25-30 Tonnen, mit ca. 10 Tonnen mehr, wenn das Benzinauto erst gar nicht hergestellt worden wäre. Etwa 10% der Autos in der Schweiz haben eine jährliche Fahrleistung von 20’000 bis 40’000 km, bis etwa 4 mal mehr als der Durchschnitt. Für maximale Wirkung auf den Benzinverbrauch und den CO2-Ausstoss müssen möglichst viele davon durch E-Autos ersetzt werden.
Dass es sich aus Umweltsicht lohnen würde, die meisten neuen Verbrenner gleich am Tag nach der Inbetriebnahme zu verschrotten (hoffentlich fachgerecht rezyklieren) sollte zu denken geben, angesichts der Tatsache, dass heute noch die grosse Mehrheit der neuen Autos Verbrenner oder Hybride sind. Hier sollten wir den Hebel ansetzen!
Den Zeitgeist nutzen
Aber vielleicht braucht es im Moment gar nicht so viel, um angesichts der anhaltend hohen Benzinpreise den Umstieg von Verbrennern auf Elektroautos weiter zu fördern.
Eine Möglichkeit, die öffentliche Aufmerksamkeit zu nutzen, könnte darauf zielen, die Berührungsängste mit Elektroautos abzubauen. Viele, die heute einen Fahrausweis besitzen, haben einmal gelernt, wie man ein Benzinauto und eine Tanksäule bedient. Elektroautos sind noch ungewohnt – angefangen mit dem fehlenden Motorgeräusch, welches besagt, dass das Auto fahrbereit ist, der extremen Beschleunigung aus dem Stand oder dem Fahren mit einem Pedal (Motorbremse zum Aufladen der Batterie). Auch das Hantieren mit den verschiedenen Ladekabeln und Steckern an Wallboxen und Schnellladern ist beim ersten Versuch nicht gerade intuitiv.
Die Mobility Genossenschaft experimentiert gerade mit Community basiertem Training für den Gebrauch der E-Autos. Auch der TCS bietet Kurse an um das Fahren mit E-Autos zu trainieren, was sich besonders an Firmen richtet, die ihre Flotte elektrifizieren möchten. Viel Autohändler bieten im Moment sehr günstige Leasingkonditionen auf neuen oder gebrauchten E-Autos und offerieren erweiterte Testfahrten bis zu 24 Stunden. Es braucht jetzt weitere niederschwellige Gelegenheiten, wo auch Skeptiker mit E-Autos in Berührung kommen können, z.B. am Samstag auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums oder bei einem Volksfest.
Da eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung in Miet- oder Eigentumswohnungen lebt, ist das Laden von Elektroautos zu Hause für viele weiterhin nicht einfach möglich. Wir sollten den Zeitgeist nutzen, um die politischen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel das “Recht auf Laden” jetzt endlich zügig voranzutreiben!
Entdecke mehr von CO2 Netto-Null bis 2050
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen