Technologiewandel – oder wie das Pferd von der Strasse verschwand.

Autor: Bernhard Suter —

Wie wir im letzten Beitrag zur pragmatischen Klimapolitik erwähnt haben, sind effektive Klimaschutz Massnahmen oft mit einem ziemlich disruptiven Strukturwandel verbunden, der für viele zu rasant und beängstigend ist. Ein solcher Bereich ist zum Beispiel der Strassenverkehr, wo im Moment ein Technologiewandel von Verbrennungsmotoren zu Elektrischen Antrieben stattfindet, mit weitgehenden Auswirkungen nicht nur die Autoindustrie und ihre Zulieferer sondern auch für ein ganzes Ökosystem rund um den Betrieb und die Wartung von Autos (Garagen, Tankstellen, Parkplätze usw.).

Wir wollen anhand des Beispiels Strassenverkehr zeigen, wie sich ein ähnlicher Wandel vor ca. 100 Jahren abgespielt hat, als Verbrennungsmotoren Pferde im Strassenverkehr weitgehend ersetzt haben.

Ein oft gebrauchtes Modell dafür, wie sich neue Technologien, Produkte oder Ideen durchsetzen ist das Diffusionsmodell des Soziologen Everett Rogers aus den 1960er Jahren, welche in der bekannten “S-Kurve” des zunehmenden Marktanteils (gelb im folgenden Diagramm) resultiert.

(Quelle: Wikipedia)

Die Zunahme der Marktanteil im Laufe der Zeit wir oft in die folgenden Phasen eingeteilt (blaue Kurve im obigen Diagram): Eine technologische Innovation beruht oft auf Forschungsresultaten, die Jahrzehnte zurückliegen bevor diese auch nur annähernd eine praktische Anwendung finden. Am Anfang ist die neue Lösung nur etwas für Spinner und Tüftler, mit zunehmender Reife vielleicht auch für eine eingeschworene Gruppe von Pionieren (Early Adopters). Viele neue Produkte verbleiben in einer Nische und schaffen es nicht, die Kluft zur Massenanwendung zu überbrücken.

Wie bei vielen exponentiellen Wachstumsprozessen erscheint der Grossteil des Wandels überraschend plötzlich. Zuerst passiert für eine lange Zeit nichts (Pionierzeit), dann geht es plötzlich sehr schnell (Mehrheitsfähigkeit) und die letzten paar Prozent können dann wieder praktisch ewig dauern.

Beispiel Strassenverkehr

Eine mögliche Illustration dafür, wie lange Technologische Ablösungen auf natürliche Weise dauern können, ist ein Vergleich zwischen dem Wachstum des Anteils elektrischer Autos heute im Vergleich mit dem Wachstum des Benzinautos vor ca. 100 Jahren.

1888 war die berühmte Langstreckenfahrt von Bertha Benz mit dem Patent-Motorwagen ihres Mannes, als Demonstration gegen die „Reichweitenangst“. Die ca. 100 km lange Fahrt dauerte 13 Stunden mit mehreren Reparaturen unterwegs. Mit Pferdekutschen hätte man zu der Zeit zuverlässiger und schneller quer durch Europa reisen können.

Um ca. 1900 verkaufte z.B. Emil Jellinek die Fahrzeuge der Daimler-Motoren-Gesellschaft an die gesellschaftliche Elite Europas – später unter dem Namen seiner Tochter: Mercedes.

1908 kam in den USA das Ford Model T auf den Markt. Damals war der Anteil von Autobesitz in den USA bei 2.5 pro 1000 Personen (heute 800 pro 1000 Personen – Quelle: www.energy.gov). Wobei dies nicht nur eine technologische Ablösung war sondern auch zusätzlich ein starkes Wachstum, denn der maximale Pferdebesitz in den USA war nur etwa ca. 300 Pferde pro 1000 Personen.

Wenn wir eine S-Kurve durch diese Daten legen, dann wurde der Mittelpunkt der automotiven Wachstumskurve für die USA ca. 1960 erreicht und die 10% Schwelle um ca 1920 überschritten.

Die Umstellung von Pferden auf „Pferdelose Kutschen“ war mit einem höchst disruptiven Ökosystem-Wechsel verbunden. Eine mehrheitlich verteiltes Gewerbe (Pferdezüchter, Wagner, Kutscher, Futterverkäufer etc.) wurde durch eine zentralisierte Industrie ersetzt, die Öl und Autoindustrie. Pferdeställe verschwanden in den Städten und Garagen und Tankstellen entstanden.

Der Weg vom Benzinauto zum Elektroauto ist nicht ganz so radikal und disruptiv. Garagen und Parkplätze müssen umgerüstet werden (Ladestationen) und äquivalent zum Tankstellennetz braucht es ein Netz von Schnelladern. Ausserdem braucht es aber generell auch weniger Automechaniker und Tankstellen. Firmen aus der traditionellen Autoindustrie kämpfen ums Überleben während neue Firmen, die in den letzten 30 Jahren gegründet wurden das neue Feld dominieren (z.B. Tesla 2003, BYD 1995). Das erste moderne EV (GM EV1) kam 1996 auf den Markt. Die ersten Tesla Roadster von 2009 war vor allem ein sehr teures und unpraktisches Spielzeug für ein paar wohlhabende Enthusiasten – wie vermutlich vor ca. 100 Jahre die Motorwagen der Marke Mercedes.

In beiden Fällen hat die Pionierphase ca. 20-30 Jahre gedauert, bis der Kipppunkt in der S-Kurve erreicht wurde (ca. > 10%). Die technologischen Grundlagen dafür liegen noch einmal 30-50 Jahre weiter zurück: Der Otto-Motor wurde um ca. 1860 erfunden, die Lithium-Ionen Batterie entstand um ca. 1980.

Ein Teil der Geschwindigkeit hängt auch von der Lebensdauer ab, also wie oft ein Entscheid zwischen einer neuen oder alten Lösung gefällt werden muss. In der Schweiz werden jährlich ca. 5% Autos ersetzt (Quelle: BFS). Im schnelllebigen und oft immateriellen digitalen Bereich kann es passieren, dass sich eine neue Entwicklung in ca. 10 Jahren von 10% auf 90% durchsetzt – z.B. mit dem Internet, Digitalisierung von Medien, Smartphones usw. In der physischen Welt von industriellen Investitionsgütern dauert derselbe Prozess aber in der Regel mehrere Jahrzehnte. Je länger der Investitionszyklus, desto mehr mehr hinkt der Bestand hinter dem momentanen Marktanteil hinterher, was die gesellschaftlichen Normalisierung oder Nachahmung (Mund zu Mund Propaganda) verlangsamen kann.

Vielleicht gibt es so etwas wie eine Höchstgeschwindigkeit mit der sich signifikante technologische Innovationen in der Gesellschaft ausbreiten können – z.B. mindestens ca. die Dauer einer Generation? Wobei diese Entwicklung mit politischen Mitteln beschleunigt oder verzögert werden kann, was sich zum Beispiel zeigt in den sehr unterschiedlichen Marktanteilen von Elektroautos in verschiedenen Ländern.

Trotz einer breiten Ablösung im letzten Jahrhundert haben Pferde auch heute immer noch eine kleine Rolle in gewissen Nischen. Zum Beispiel für Hobby oder Sport, für nostalgische Kutschentransporte, für den Umzug am Sechseläuten oder für den täglichen Strassenverkehr im Lancaster Country, wo sich die amische Gemeinschaft erfolgreich gegen den Technologiewandel gewehrt hat. Wird der Verbrenner in ein paar Jahrzehnten ein ähnliches nostalgisches Nischendasein haben? In Europa, wo das Benzinauto vor über 100 Jahren erfunden und perfektioniert wurde, müssen wir uns jetzt überlegen, ob wir den jetzigen globalen Technologiewandel in Richtung Elektrifizierung aktiv und optimistisch mitgestalten wollen, oder ob wir im Namen von “Technologieoffenheit” und Strukturerhalt zu einer nostalgischen Touristenattraktion in grossen Stil werden wollen?

Die Dynamik und Trägheit von Technologiewandel zeigt auch, was im Namen von Netto-Null bis 2050 noch realistisch machbar ist. Wenn wir erwarten, dass sich eine neue Lösung bis 2050 breit gesellschaftlich durchsetzen soll, dann müssten diese vermutlich seit mindestens 2020 kommerziell verfügbar sein, basierend auf Erfindungen und Forschungsresultaten aus dem letzten Jahrhundert.

Wir sollten also unsere Hoffnungen weniger auf noch nicht existierenden, zukünftigen technologischen Durchbrüchen ruhen lassen, sondern versuchen, so gut wie möglich nützliche Transformationen zu fördern und zu beschleunigen, die heute schon im Gange sind. Auch wenn dies manchmal “unangenehm aufregend” ist.


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