Pragmatische Neuorientierung im Klimaschutz

Autoren: Jรถrg Hofstetter & Bernhard Suter —

In der Klimapolitik hat sich der Wind gedreht. Der Rรผckenwind der โ€žgrรผnen Welleโ€œ von 2019 ist verflogen โ€“ heute blรคst Gegenwind. Flugscham ist kein Gesprรคchsthema mehr, und viele Firmen haben ihre Klimaversprechen leise aus der Imagepflege gestrichen.

Laut einer 2025 von Sotomo fรผr Avenir Suisse durchgefรผhrten Umfrage befรผrwortet die Mehrheit der Bevรถlkerung das Netto-Null-Ziel, hรคlt dessen Umsetzung bis 2050 jedoch fรผr unrealistisch. Eine internationale Analyse von Yale 360 von YouTube-Videos zeichnet ein รคhnliches Bild: Zwischen 2019 und 2023 nahm zwar die Zahl der Klimaleugner ab, dafรผr wuchs der Anteil jener, die nicht mehr an die Wirksamkeit des Klimaschutzes glauben.

Der Ton in den รถffentlichen Klimadebatten hat sich spรผrbar verรคndert. Die wachsende Skepsis gegenรผber Klimaschutzmassnahmen ist jedoch keine neue Entwicklung. Schon eine Studie von Lamb aus dem Jahr 2020 dokumentierte eine Zunahme skeptischer Stimmen, die an der Wirksamkeit von Klimapolitik zweifelten.

Vermutlich wurden wรคhrend der โ€žgrรผnen Welleโ€œ nach 2019 viele ambitionierte Ziele verkรผndet, ohne dass ihre Umsetzung tatsรคchlich durchdacht war.

Heute zeigt sich, dass einige dieser Versprechen โ€“ etwa das 1,5-Grad-Ziel โ€“ kaum zu halten sind. Ohne ernsthafte Anstrengungen wird es nicht gelingen.

Was hartnรคckig bleibt, ist das Klimaproblem.

Was also ist zu tun? Zunรคchst mรผssen wir uns klarmachen: Ohne Anstrengung wird es nicht gehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir unsere Wirtschaft schrumpfen oder uns in unserem Wohlstand massiv einschrรคnken mรผssen. Aber es braucht Anpassungen โ€“ den Willen zur Verรคnderung und den Mut zu neuen, ehrgeizigen Zielen.

Einige Autorinnen und Autoren fordern in dieser Situation einen Neuanfang der Klimapolitik โ€“ pragmatischer, realistischer und breiter anschlussfรคhig soll sie werden. So etwa im international vielbeachteten Essay โ€žPragmatic Climate Resetโ€œ von Michael Liebreich, dem wir folgende Forderungen entnehmen :

  • Abkehr von Perfektionismus. Konzentrieren wir uns auf die Gebiete, in denen es funktionierende Lรถsungen gibt und setzen diese konsequent um. Konzentration auf die Massnahmen mit dem grรถssten Effekt.
  • Fokus auf machbare kurzfristige Ziele zu unseren Lebzeiten und nicht nur ein heilsversprechendes Endziels in ferner Zukunft.
  • Allianzen und Mehrheiten aktiv suchen. Wirksame Klimapolitik sollte breit abgestรผtzt sein und nicht zu einem Kulturkampf-Thema werden.
  • Mit weniger Moralismus operieren. Weniger ideologische Reinheit, Angstmacherei und Diffamierung politischer Gegner.
  • Fokus auf das, was funktioniert, anstatt was noch nicht funktioniert. Erfolg motiviert besser als stรคndige Stรคnkerei und Pessimismus.

Was bedeutet das nun fรผr die Schweizer Klimapolitik?

Gefragt ist ein Fokus auf das, was bereits funktioniert โ€“ und schnell Wirkung zeigt: den Ausbau der Elektromobilitรคt, der erneuerbaren Energien und nachhaltiger Heizsysteme.

Dabei gilt es, zwischen realistischen Zielen und idealistischen Ambitionen zu unterscheiden. Die Schweizer Politik ist traditionell weniger von Charisma und grossen Visionen geprรคgt, sondern von Pragmatismus und detailorientierter Sachlichkeit. So mรผhsam dieses Vorgehen bisweilen erscheinen mag โ€“ es entspricht dem politischen Wesen des Landes. Entscheidend ist deshalb, umsetzbare und finanzierbare Ziele zu formulieren. Andernfalls drohen Projekte Schiffbruch zu erleiden โ€“ wie etwa das ambitionierte Netto-null-2040-Ziel, das in Zรผrich an der Urne scheiterte.

Es geht geht darum, das Machbare auch wirklich zu tun!

Trotz des aktuellen Fokus auf kurzfristig machbare und erreichbare Ziele dรผrfen die grossen, langfristigen Herausforderungen nicht aus dem Blick geraten. Als Orientierungshilfe fรผr den gezielten Einsatz von finanziellen Mitteln und Aufmerksamkeit kann die sogenannte 70/20/10-Regel aus dem Innovationsmanagement dienen โ€“ ein Prinzip, das in vielen Unternehmen und von zahlreichen Investorinnen und Investoren erfolgreich angewendet wird. รœbertragen auf die Klimapolitik kรถnnte das bedeuten:

Rund siebzig Prozent der verfรผgbaren Ressourcen und Aufmerksamkeit sollten mรถglichen Lรถsungen vorbehalten sein, die heute bereits breit im Einsatz sind, sich bewรคhrt haben und wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden kรถnnen. Gemรคss dem bekannten Phasen-Modell zur Innovationsentwicklung (โ€S-Kurveโ€) sind dies Produkte und Technologien welche die Kluft zwischen Pionieren und frรผher Massentauglichkeit einigermassen รผberwunden haben. Dazu gehรถren z.B. die Elektrifizierung vieler Bereiche wie z.B. Strassenverkehr und Gebรคudewรคrme sowie die erneuerbare Stromproduktion mit Photovoltaik, Wind, Batterien sowie moderne รœbertragungs- und Netzsteuertechnik.

Die nรคchsten Zwanzig Prozent des Fokus sollten fรผr Lรถsungsmรถglichkeiten reserviert sein, die sich in der Pionierphase befinden, mit absehbarem Pfad zu einem Durchbruch mit breitem Erfolg. Dies sind oft nicht disruptive sondern inkrementelle Innovationen, welche auf bereits erfolgreichen Technologien aufbauen wie z.B. leistungsfรคhigere Batterien oder Solarzellen. Oder Anwendungen welche eine logische Erweiterung sind, von dem was schon funktioniert wie z.B. die Elektrifizierung von schweren Spezialmaschinen fรผr Baustellen und Landwirtschaft, elektrische Binnen- und Kรผstenschiffe oder die Elektrifizierung von Industriewรคrme mit spezialisierten Wรคrmepumpen.

Die restlichen Zehn Prozent sollte reserviert sein fรผr Visionen, Forschungsprojekte, Prototypen und Trรคume. Dies kรถnnen Lรถsungen sein, die technisch machbar sind aber in absehbarer Zeit viel zu teuer sind um kommerziell konkurrenzfรคhig zu sein, wie zum Beispiel Carbon-Capture oder die meisten Anwendungen von grรผnem Wasserstoff. Oder Lรถsungen, die technisch noch nicht existieren oder noch nicht ausgereift sind, wie zum Beispiel Kernfusion oder verschiedene Konzepte fรผr Nuklearanlagen der nรคchsten Generation.

Dieser Ansatz zur Priorisierung dient nicht nur als Orientierungshilfe fรผr Investitionsentscheide, sondern auch als Leitlinie fรผr den gezielten Einsatz unserer Aufmerksamkeit. Auch Medien kรถnnten von der 70/20/10-Regel profitieren โ€“ indem sie vermehrt darรผber berichten, was bereits funktioniert, weshalb diese Ansรคtze erfolgreich sind oder warum allenfalls ihre Umsetzung scheiterte.

Eine pragmatische Klimapolitik, die zuerst auf das konzentriert was technisch machbar und kommerzielle erfolgreich ist, ermรถglicht auch eine vorwรคrts gerichtete, mutige Industriepolitik. Wir sollten dabei auch auch auf geopolitischer Ebene weniger auf Verzicht, Einschrรคnkungen und Opfer fokussieren, sondern auf Chance und Gelegenheiten. Es sieht alles danach aus, dass eine globale elektrotechnische Revolution im Gange ist, welche mit uns oder ohne uns stattfinden wird. Wir sollten den notwendigen Strukturwandel als Chance begreifen, die Zukunft aktiv mitzugestalten, aber auch als Verpflichtung, die dabei entstehenden sozialen Nรถte und Ungleichheiten solidarisch auszugleichen.

Referenzen:

– Sotomo, Energieziele der Schweiz – Studienbericht, 2025 https://sotomo.ch/site/wp-content/uploads/2025/10/EnergiezieleDerSchweiz_de.pdf

– YALE E360, Shift from Denying Science to Dismissing Solutions, 2024 https://e360.yale.edu/digest/youtube-climate-denial-solutions

– Lamb William et al., 2020 The article „Discourses of climate delay“ by W. F. Lamb, G. Mattioli, S. Levi, and others, published inย Global Sustainability 3, 1โ€“5,ย analyzes how arguments that delay climate action have become more sophisticated. It identifies four main strategies for delaying action: redirecting responsibility, promoting non-transformative solutions, emphasizing the downsides of action, and surrendering to the idea that it’s too late.

– Michael Liebreich, Pragmatic Climate Reset, 2025 Part I : https://about.bnef.com/insights/clean-energy/liebreich-the-pragmatic-climate-reset-part-i/ Part II: A Provocation: hf(ttps://about.bnef.com/insights/clean-energy/liebreich-the-pragmatic-climate-reset-part-ii-a-provocation/


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