Kann die Schweiz auf Windräder verzichten?

Autoren: Jörg Hofstetter, Bernhard Suter —

Die aktuelle Auswertung der Windstromproduktion im «Klima-Monitoring Schweiz» verdeutlicht, dass das derzeitige Ausbautempo dramatisch hinter den politisch verankerten Zielen zurückbleibt. Die tatsächliche Produktion, im obigen Beitragsbild als rote Linie dargestellt, ist um Grössenordnungen vom grünen Zielkorridor entfernt. In dieser Situation müssen wir uns der Frage stellen: Können wir die zukünftige Energieversorgung auch ohne Windproduktion garantieren? Was wären die Konsequenzen?

Die Energieversorgung bis 2050 steht vor einem Strukturwandel: Mit der bis 2045 geplanten stufenweisen Abschaltung der alten AKWs wird neu die Photovoltaik zur tragenden Säule einer CO₂‑freien Energieversorgung. Aber gerade im Winter gilt die Windenergie als die wichtigste Ergänzung zur PV, da sie etwa 2/3 ihres Jahres-Ertrages im Winterhalbjahr erbringt, im Gegensatz zur PV, welche nur ca. 1/3 des Jahres-Ertrages im Winterhalbjahr erbringt.

Grafik zeigt die Beziehung zwischen zusätzlicher Wind- und PV-Produktion in TWh pro Jahr und die Nettoimporte in Winter.

Anhand der obigen Grafik (1) wird ersichtlich, wie PV- und Windproduktion zusammenhängen und welche Rolle Ergänzungsenergien wie Importe, Gas und AKW (neben der Wasserkraft) dabei spielen. Die roten Punkte stehen für unterschiedliche, publizierte Energie-Szenarien, die den zukünftigen Stromverbrauch im Winter 2050 decken können. Diese sind im Detail auf Axpo Power Switcher beschrieben.

Am Beispiel des Szenarios «Nordmann» verdeutlicht die Grafik den Handlungsbedarf bis 2050: Während die Windkraft um 6 TWh zulegen muss (vertikale Achse), ist gleichzeitig ein PV-Zubau von etwa 68 TWh (horizontale Achse) notwendig.

Der rote Punkt des Szenarios «Nordmann» kann bei Bedarf entlang der schwarzen Pfeile verschoben werden. Dadurch ändert sich das PV/Wind Verhältnis bei gleichbleibender Energieproduktion im Winter. Eine Reduktion der zusätzlichen Windproduktion um 5 TWh müsste dabei mit einem Mehr an PV von mehr als 10 TWh PV «erkauft» werden!

Die farbigen Flächen markieren Bereiche mit unterschiedlicher Menge an notwendiger Ergänzungsenergie in Form von Importen, Gas oder AKW (orange: am wenigsten, blau: am meisten). Das Szenario Nordmann braucht z.B. bedeutend weniger Ergänzungsenergie als die anderen Szenarien. Der Preis dafür ist ein notwendiger, sehr hoher PV-/Windausbau.

Die Grafik zeigt die technischen Handlungsmöglichkeiten auf, um auf fehlenden Windstrom zu reagieren. Uns interessieren natürlich die entsprechenden Nebenwirkungen der notwendigen Massnahmen:

Extremer PV‑Ausbau: Bei möglichst geringer Ergänzungsenergie bleibt nur die Option, die PV-Produktion extrem auszubauen. Theoretisch wäre ein Zubau bis gegen 80 TWh denkbar, aber wir müssten dazu wirklich jede Möglichkeit, PV‑Strom zu produzieren, ausnutzen. Dazu müssten auch Anlagen in der nebelfreien Zone (Alpen) aufgestellt werden. Im Sommer hätten wir enorme Überproduktionen. Technisch wäre eine Umsetzung realisierbar, geht jedoch mit einer Beeinträchtigung des Landschaftsbildes sowie massiven Mehrkosten einher.

Gas-Kraftwerke: Wegen des Klimaschutzes müsste deren Produktion CO₂‑frei werden, was den Preis stark in die Höhe treibt. Auch sind noch nicht alle technischen Fragen restlos geklärt. Um unabhängiger von internationalen Lieferungen zu werden, müsste die Schweiz wie bis anhin im grösseren Massstab Gaslager im Ausland mieten und für den Notfall Treibstoff in der Schweiz lagern. Die Kraftwerke müssten für den Betrieb unterschiedlicher Treibstoffe (Flex-Fuel) ausgelegt werden.

Importe: Diese müssten weit über das Mass der im Stromgesetz vorgesehenen 5 TWh (d.h. dem orangen Band in der Grafik) ausgebaut werden. Dabei dürfte die Auslandsabhängigkeit das grösste Problem darstellen. Wie kann garantiert werden, dass die umliegenden Länder jederzeit die nötige Energie liefern können? Ausfälle müssten zeitnah mit Notfall-Kraftwerken auf Basis von flüssigen Brennstoffen (3) aufgefangen werden.

Neue AKW: Diese erzeugen Bandenergie, was gut für den Winter ist, aber im Sommer zu noch mehr Stromüberfluss führt. Fällt ein grosses AKW aus, stellt dies ein Klumpenrisiko dar. Daneben gibt es die bekannten Nachteile wie Unfallrisiko, Lagerung von radioaktivem Abfall und Brennstoffabhängigkeit vom Ausland.

Andere Möglichkeiten wie Biomasse und Geothermie haben ein beschränktes Ausbaupotential, können aber durchaus zur Diversifikation beitragen.

Fazit: Sämtliche Varianten, um auf Wind zu verzichten, haben unerwünschte Nebenwirkungen und werden insbesondere teuer, da Wind die günstigste Form ist, neben der Freiflächen-PV.

Auch Wind hat Nachteile. So sind Windräder von weitem sichtbar und können Vögel töten (2). Für eine Abwägung müssen wir dies aber mit den obigen Nachteilen und den klaren Vorteilen von Wind abwägen:

  • Zuverlässige Produktion ohne Importabhängigkeit (liefert für 30 Jahre jedes Jahr Energie ohne Brennstoffe etc.).
  • Ausgereifte Technologie mit einer grossen Auswahl von Herstellern aus vielen Ländern.
  • Geringes Risikopotential, z.B. im Vergleich zu AKWs oder Staudämmen.
  • Wenig Flächenverbrauch (Landwirtschaft kann auch unter Turbinen betrieben werden).
  • Die Winterproduktion ist komplementär zu PV. Dies bedingt auch weniger Batteriespeicher zur Netzstabilisierung.
  • Wirtschaftlich attraktiv: tiefe Gestehungskosten und Potenzial für «Wind-Zins» als Einnahmequelle für Standortgemeinden.
  • Wie PV, praktisch unlimitiertes Potenzial (Grenzen sind nur der politische Wille).

Die Kombination aus Wind-, Solar- und Wasserkraft ist für die Schweiz eine ideale Lösung. Angesichts der existenziellen Bedeutung der Energiewende darf der Ausbau der Windkraft nicht durch kommunale Vetos oder einen unverhältnismässigen Vogelschutz blockiert werden. Das Stimmvolk hat sich mit dem Stromgesetz klar für diesen Weg entschieden; nun liegt es an uns als Gesellschaft, die Umsetzung gemeinsam voranzutreiben

Anhang:

(1) Bei der aufgeführten Wind- und PV-Produktion handelt es sich um den ab heute bis 2050 notwendigen Ausbau. Die Zahlen stammen aus Axpo Energy Reports 2026.

(2) Von den absoluten Zahlen her sind Windturbinen eine der geringsten Gefahren für die Vogelpopulationen. Bekannt sind aber Probleme bei Greifvögeln. Dies muss und kann bei der Planung berücksichtigt werden. Risiken im Vogelzug und Abschaltungen der Windräder werden in der neuesten Studie «Vogelkollisionen im Windpark Gotthard» wissenschaftlich behandelt. Siehe:

https://www.tagesanzeiger.ch/gotthard-windraeder-toeten-190-voegel-in-vier-jahren-478794426255

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301479726004391

3) Siehe auch https://www.srf.ch/news/schweiz/versorgungssicherheit-schweiz-fuenf-co2-neutrale-reservekraftwerke-erhalten-zuschlag-vom-bund


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