Ende 2023 sah es fรผr eine CO2-freie Stromversorgung der Schweiz hoffnungsfroh aus. Nach intensiven Verhandlungen konnten sich National- und Stรคnderat auf ein neues Stromgesetz (Mantelerlass) einigen, die Mehrheit aller Parteien stimmte dafรผr. Ein Zeichen, dass es in der Schweiz immer noch mรถglich ist, fรผr wichtige Ziele Kompromisse zu finden, auch รผber Parteigrenzen hinweg.
2024 haben im Wesentlichen die „Fondation Franz Weber“ und der „Verein Freie Landschaft Schweiz“ ein Referendum dagegen lanciert, das sich vor allem auf Argumente des Landschaftsschutzes stรผtzt. Auf die wichtige Frage des Landschaftsschutzes werde ich zurรผckkommen, doch zuerst zur Politik. Im Verlauf der Referendumskampagne hat die Parteifรผhrung der SVP, nun mit einem Prรคsidenten, der den Klimawandel als etwas Positives fรผr die Bauern darstellt, auf die Ablehnung des Gesetzes umgeschwenkt.
- SVP Nationalrรคtin Magdalena Martullo-Blocher behauptet, das Gesetzt bringe nicht die notwendige Stromsicherheit. Gleichzeitig droht Sie damit, dass die Schweiz mit 9000 Windrรคder verschandelt wรผrde [1]. Das ist natรผrlich Blรถdsinn. Damit kรถnnte man die ganze Schweiz mit Strom versorgen. Selbst offensive Szenarien rechnen bis 2050 bloss mit 600-700 Windanlagen, im CO2 Monitoring wird bei den Soll-Zahlen gar nur mit etwa 340-400 Anlagen gerechnet (bei 10 GWh pro Anlage, total 3.4 TWh).
- Die SVP Nationalrรคtin Sandra Sollberger ist wegen Vรถgeln, welche durch die Windrรคder sterben, ins Nein-Lager gekippt [2]. Ich denke es sollte inzwischen bekannt sein, dass unsere Vรถgel ganz andere Feinde haben. Hier Infos dazu.
- Auch wird moniert, dass Gesetzt sei zu komplex und fรผhre zu staatlichen Eingriffen.
Aber lassen wir uns durch politische Nebelpetarden nicht die Sicht trรผben. – Viel wichtiger ist die Frage: Was sind die wirklich wesentlichen Eckpunkte des Stromgesetztes, รผber das wir am 9. Juni abstimmen?
- bis zum Jahr 2035 soll die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) auf 35 TWh ausgebaut werden, bis 2050 sollen mindestens 45 TWh Strom aus erneuerbaren Energien produziert werden.
- Winterstrom: Dieser soll bis 2040 um 6 TWh ausgebaut werden, wovon 2 TWh sicher abrufbar aus Speicherwasserkraft sein mรผssen.
Aber was heisst dies konkret? Wie sind diese Zahlen einzuordnen? Reicht diese Strommenge (was Frau Blocher bezweifelt), oder befeuert diese einen unnรถtig schnellen Ausbau der Stromproduktion (wie es manche aus dem Landschaftsschutz befรผrchten)?
Vergleichen wir die genannten Zielwerte mit anderen Energie-Szenarien, z.B. dem Szenario von Nationaltrat Grossen [3], dessen Modell auch fรผr das CO2 Monitoring Schweiz verwendet wird.

Die Grรถssenordnungen sind durchaus vergleichbar. Das Stromgesetzt schlรคgt im Vergleich bis 2035 eine etwas schnellere Gangart ein, fรผr 2050 wird ein minimaler Wert genannt, der etwas tiefer liegt.
Bei solchen Vergleichen ist zu bedenken, dass die benรถtigte erneuerbare Stromproduktion von vielen Faktoren abhรคngen wie Stromimporten, wie schnell wir die Kernkraftwerke abschalten (im erwรคhnten Grossen-Szenario geht man von einer Laufzeit von 60 statt 50 Jahren aus), dem Technologiemix und wie viel Speicher (Wasser, Speicherseen, Wasserstoff) vorhanden sind. Zusammenfassend kรถnnen wir sagen, dass das Stromgesetzt insbesondere bis 2035 durchaus eine ausreichende Strommenge verlangt.
Neben den Produktionszielen propagiert das Stromgesetz verschiedenste Werkzeuge zur Erreichung dieser Ziele. Auch Effizienz im Stromverbrauch und die Berรผcksichtigung des Landschaftsschutzes werden verlangt.
Aber seien wir realistisch, das Stromgesetz kann nicht sรคmtliche Umsetzungsdetails bis 2050 festlegen. Es ist wie bei einer Bergwanderung. Wichtig ist ein klares Ziel, die genaue Wanderroute muss laufend den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Dies gilt auch fรผr das Thema Landschaftsschutz. Das vorliegende Stromgesetzt wird den Landschaftsschutz nicht verhindern aber auch nicht garantieren. Dafรผr wird es auch in Zukunft weitere Anstrengungen brauchen! Deshalb bin ich extrem froh, dass die grosse Mehrheit unserer Umweltverbรคnde wie WWF, Greenpeace, Pro Natura, Bird Life und selbst die Stiftung Landschaftsschutz (!) dieses Gesetzt unterstรผtzen und damit in Zukunft mit hoher Glaubwรผrdigkeit die Umsetzung in diesem Sinne beeinflussen kรถnnen!
Daher plรคdiere ich fรผr ein starkes JA zum neuen Stromgesetz!
[3] AXPO Power Switcher, https://powerswitcher.axpo.com/, Szenario Grossen, Zugriff: 31.3.2024
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