AKW-Unfall würde Schweiz zweiteilen!

Die AKW-Diskussion ist in der Schweiz erneut mit voller Wucht in der öffentlichen Debatte aufgetaucht. – Ich würde mich lieber konstruktiveren Themen widmen, aber die Kontroverse ist von „ganzen oben“ entfacht worden und muss nun ausdiskutiert werden.

Im internationalen Umfeld gibt es durchaus auch besonnene Stimmen, wie z.B. die Datenwissenschaftlerin Hannah Ritchie in ihrem Buch “Hoffnung für Verzweifelte” oder Bill Gates in “Wie wir die Klimakatastrophe verhindern”, die für zukünftige AKWs votieren. – Welche Argumente stecken dahinter und was bedeutet dies für die Diskussion in der Schweiz?

Deren Argumentation geht ungefähr so:

  • Wir brauchen AKWs für eine CO2-neutrale Energieversorgung.
  • Das Risiko eines grossen AKW-Unfalls ist relativ klein. Sowohl Risikoanalysen als auch die Erfahrung lassen erwarten, dass es ca. alle 20 Jahren zu einem grossen Unfall kommt. Dass ein solcher ausgerechnet in der Schweiz stattfindet, ist nicht sehr wahrscheinlich.
  • Selbst wenn ein solcher Unfall in der Schweiz stattfindet, ist aus Erfahrung die Anzahl der direkt Getöteten eher klein. Vermutlich kleiner als die jährlichen Unfalltoten im Strassenverkehr (Schweiz 2023: 236 Menschen, BfU).

Soweit kann ich der Geschichte einigermassen folgen, solange ich das Problem der radioaktiven Abfälle ausblende… Aber damit ist die Geschichte leider nicht zu Ende gedacht: die Schweizer AKWs befinden sich zwangsläufig im Mittelland, einem relativ schmalen, dichtbesiedelten Landstreifen zwischen Jura und Alpen. Müssten wir nach einem AKW-Unfall analog zu Fukushima ein Gebiet von 30 km Radius evakuieren, würde bei einem Störfall in Gösgen allenfalls ein Gebiet vom Rande Basels bis an den Sempachersee evakuiert werden (die gelben Gebiete der Eingangsskizze, die offizielle Zone 2, umfassen nicht ganze 30 km). Das Mittelland der Schweiz würde damit faktisch für lange Zeit in zwei kleinere Teile zerschnitten! Die ganze Schweiz (nicht nur ein Teil davon!) würden in eine tiefe soziale und wirtschaftliche Krise fallen, weil:

  • Menschen aus dem kontaminierten Gebiet müssen in andere Teile der Schweiz oder ins Ausland umsiedeln, was Wohnraum, Infrastruktur und soziale Integration belastet. – Behält etwa der evakuierte Kanton Aargau seine Nationalratsmandate?
  • Akute Strahlenschäden und Langzeitfolgen je nach Wetterlage auch in benachbarten Ländern auftreten.
  • Radioaktive Kontamination Böden und Wasser im fruchtbaren Mittelland unbrauchbar machen, was die Versorgungssicherheit gefährdet.
  • Unternehmen im betroffenen Gebiet teilweise dauerhaft schließen müssen, was zu einem Verlust von Arbeitsplätzen und einem Einbruch der Wirtschaft führt.
  • Eine Trennung des Mittellandes als Verkehrsknotenpunkt den Güter- und Personenverkehr stark beeinträchtigen,

Würde es gar soweit kommen, dass sich der westliche Teil der Schweiz vertieft an Frankreich, der östliche Teil an Deutschland oder Österreich orientieren müssten? Was passiert mit dem Tessin?

Es ist eine ganz andere Sache, ein AKW in einem dünn besiedelten Gebiet eines grossen Staates oder der engen und kleinen Schweiz aufzustellen!

Hätten wir keine Alternative für eine fossilfreie Energieversorgung und möchten wir unseren Lebensstandard halten, dann müssten wir aus Klimaschutzgründen dieses Risiko wohl trotzdem eingehen.

Aber wir haben eine realistische Alternative!

Was für viele vor 30 Jahren noch kaum denkbar schien: Die Solarenergie ist heute ausgereift und gibt uns zusammen mit Windenergie und den Speicherseen die Chance auf eine nachhaltige, CO2-freie Energieversorgung. Alle wesentlichen Elemente dafür liegen in ausgereifter Form vor. Einzig bei den Ultra-Langzeitspeichern, die ab 2040 notwendig werden, wenn die letzten AKWs abgeschaltet werden, ist noch nicht ganz klar, welche Technologien sich wirklich durchsetzen werden (Wasserstoff, Methanol, Power2x, fossiles Gas mit CO2 Abscheidung).

Dass in dieser Situation, mitten im demokratisch abgesicherten Umbau zu einer nachhaltigen Energieversorgung, unsere Regierung (Bundesrat und Parlament), die AKW-Frage derart befeuert, finde ich persönlich äusserst befremdlich.

Lassen wir uns nicht beirren und nutzen wir gemeinsam, über weltanschauliche Unterschiede hinweg, die historisch einmalige Chance für eine fossil- und atom-freie Energieversorgung! Lassen wir nicht zu, dass der Energierumbau erlahmt.

[1] https://ensi.admin.ch/de/notfallschutz/notfallschutz-und-zonenplaene/
Die Zone 2 schliesst an die Zone 1 an und umfasst ein Gebiet, in dem bei einem schweren Störfall eine Gefahr für die Bevölkerung entstehen kann, die Schutzmassnahmen erfordert.


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