Es ist offensichtlich, der Klimaschutz gerรคt weltweit unter Druck: Der US-Prรคsident Trump kรผndigt das Klimaabkommen, in Deutschland werden es Klimaanliegen nach den Wahlen vermutlich schwerer haben, der Tagesanzeiger titelte kรผrzlich „Grรผne Euphorie ist weg“ und die Zentralschweizer Finanzdirektoren schocken mit der Aussage โEnergiestrategie ist bereits gescheitertยป [1].
Und trotzdem: Umfragen zeigen immer wieder, dass eine Mehrheit der Bevรถlkerung das Thema Klimaschutz in Europa durchaus ernst nimmt. – Woher kommt dieser Widerspruch?
Der Soziologe Denis Eversberg von der Universitรคt Frankfurt und seine Mitautoren/innen sind anhand von 4000 Interviews in Deutschland genau dieser Frage nachgegangen. Im Wesentlichen haben sie anhand der Befragungen unterschiedliche Mentalitรคten in Bezug auf den notwendigen Wandel untersucht und dabei bei den Beteiligten drei Haupt-Spektren identifiziert [2]:
รkosoziales Spektrum (ca. 26 %) : plรคdiert fรผr eine rasche und durchgreifende Transformation und argumentiert dabei nicht nur รถkologisch und oft wachstumskritisch, sondern befรผrwortet auch soziale Ausgleichsmechanismen.
Konservativ-steigerungsorientiertes Spektrum (ca. 36 %) : priorisiert zunehmend den Erhalt der eigenen Lebensweise gegenรผber der verbal bekannten Bereitschaft zur Verรคnderung.
Defensiv–reaktives Spektrum (ca. 26 %) bewegt sich zwischen Resignation und Rรผckzug angesichts von als รผberfordernd erlebten Umbrรผchen und Krisen und wรผtender Abwehr gegen ยปgrรผneยซ und transformative Initiativen.
Das Eingangsbild zeigt die drei Spektren und zehn Untertypen verortet in einem โsozialen Raumโ, einem Rechteck, in welchem von oben (Elite) nach unten der soziale Status und von links nach rechts das Spannungsfeld zwischen Bildung und Besitz abgebildet werden.
Eversberg schlussfolgert, dass der Widerstand gegen den Wandel zum Klimaschutz nicht nur von fossilen Industrien und wohlhabenden Bevรถlkerungsschichten ausgeht, die ihre Privilegien bedroht sehen, sondern auch von sozial benachteiligten Gruppen, die transformative Verรคnderungen als eine bevormundende โZwรคngerei von obenโ empfinden. Gemรคss Eversberg wรผrden wir zurzeit eine Annรคherung des konservativ steigerungsorientierten Spektrums mit dem defensiv-reaktiven Spektrum zum Zweck einer gemeinsamen Frontstellung gegen die Klimapolitik sehen.
Etwas vereinfachend und โunsoziologischโ ausgedrรผckt: Die besitzende Elite verbรผndet sich mit den โBenachteiligtenโ gegen den Klimaschutz.
Was wir aus der Studie schliessen kรถnnen: Die โGrรผne-Bubbleโ (รkosoziales Spektrum) ist mit einem Anteil von 26 % zu klein, um das Klima-Problem alleine lรถsen zu kรถnnen. Insbesondere auch, weil diese Gruppe keine einheitliche Strategie verfolgt, wie ich in einem frรผheren Post aufgezeigt habe [3].
Welche Strategien fรผr mehr Klimaschutz sind in dieser Situation erfolgversprechend? Evers hat natรผrlich seine eigenen Vorschlรคge dazu (siehe den frei verfรผgbaren Bericht in [2]). Ich mรถchte hier aber keine umfassenden Lรถsungen prรคsentieren. Vielmehr haben sich bei der Lektรผre dieses Berichts fรผr mich einige Leitgedanken herauskristallisiert:
- Wir dรผrfen bei der anstehenden Transformation nicht nur รผber Technik sprechen, sondern auch รผber die Menschen und ihre aktuellen Bedรผrfnisse. Die Umsetzung von โCOโ netto nullโ ist nicht in erster Linie ein technisches oder รถkonomisches, sondern vor allem auch ein gesellschaftliches Problem.
- Extreme Lรถsungsansรคtze aus dem รถkosozialen Spektrum wie z. B. Degrowth (Reduktion der Wirtschaft) oder Aktionen wie โKlimaklebenโ sind aus meiner Sicht nicht zielfรผhrend. Sie schwรคchen eine Mehrheitsfindung. Oder wie es Claudia Kemfert in โUnlearn CO2โ [4] treffend formuliert: โEs wird nicht ans Ziel fรผhren, die Menschen durch aggressive Forderungen nach Konsumverzicht zu verschrecken und zu รผberfordern. Wir werden die Treibhausgase ohnehin nicht allein รผber Verzicht auf das notwendige Maร reduzieren. Wir brauchen positive Ziele.“
Wir brauchen also positive Zukunftsvisionen, welche Menschen aus allen drei Spektren mittragen kรถnnen. - Die Politik wird weiterhin in Schรผben auf die Herausforderungen des Klimaschutzes reagieren. Wichtig fรผr die Wende werden daher auch Unternehmen sein, die unabhรคngig von politischen Strรถmungen langfristig (mehr als eine Wahlperiode!) die Chancen einer Klima-Transformation sehen und entsprechend handeln.
Die bevorstehenden Diskussionen werden sicher herausfordernd. Rationales, kritisches Denken und demokratisches Handeln werden dabei (hoffentlich) zentrale Werte bleiben.
[1] LZ, 1.2.2025 ยซEnergiestrategie ist bereits gescheitertยป: Zentralschweizer Finanzdirektoren schocken mit einer brisanten Aussage.
Tagesanzeiger, 9.2.205, „Energiewende erleidet Rรผckschlรคge – Grรผne Euphorie ist weg“
[2] Dennis Eversberg et al., Der neue sozial-รถkologische Klassenkonflikt: Mentalitรคts- und Interessengegensรคtze im Streit um Transformation**,** 2024
Professor der Soziologie, mit Spezialisierung in Umwelt-Soziologie, Goethe Universitรคt, Frankfrut am Main
Buch im Open Access (gratis):
https://www.academia.edu/122131723/Der_neue_sozial_รถkologische_Klassenkonflikt_Mentalitรคts_und_Interessengegensรคtze_im_Streit_um_Transformation_ganzes_Buch_Open_Access_
[3] Hofstetter, Klimaschutz blockiert – eine Typologie der Beteiligten,
[4] Claudia Kemfert in โUnlearn CO2โ, 2024
Ja, ich mรถchte jeweils รผber neue Beitrรคge auf co2nettonull.com informiert werden:
Entdecke mehr von CO2 Netto-Null bis 2050
Melde dich fรผr ein Abonnement an, um die neuesten Beitrรคge per E-Mail zu erhalten.

Genau, „positive Zukunftsvisionen“ ist der Schlรผsselbegriff. Gerade auch in der linken Bubble wird man tรคglich mit Katastrophen konfrontiert. Da kann man ja nur abschalten, wenn man nicht durchdrehen will.
Mit Gunter Dueck wรผrde ich noch betonen, dass wir endlich aufhรถren sollten zu diskutieren und endlich was tun? Und zwar nicht Protest, sondern Projekte voranbringen, welche uns einer wรผnschenswerten Zukunft nรคher bringen.
Dazu muss man sich aber eine wรผnschenswerte Zukunft erst mal vorstellen kรถnnen. Folgendes Institut arbeitet genau daran: https://mondafutura.org/
Merci fรผr den Link ๐
Kommentar und Link hรคtten auf dem zugehรถrigen Linkedin-Beitrag ev. noch mehr Wirkung.