Kostenvergleich: neues AKW vs. abgesicherte Importe

Autoren:ย Bernhard Suter,ย Jรถrg Hofstetter

Die Avenir Suisse hat kรผrzlich ausgerechnet wie viel es kosten wรผrde, 15 TWh รผberschรผssigen Solarstrom vom Sommer in den Winter zu speichern und ist zum Schluss gekommen, dass die Investitionskosten fรผr einen solchen Speicher im besten Fall mehr kosten wรผrden als ein neues AKW der Flamanville 3 Klasse mit Investitionskosten von 32 Mrd Fr.

Dieser Reaktortyp, der die Mehrheit der AKW Neubauprojekte in Europa ausmacht, hat eine Anschlussleistung von 1.6 GW mit einer geschรคtzten Jahresproduktion von bis zu 13 TWh, je nach Nutzungsgrad.

Angenommen die Schweiz hat in Zukunft im Sommer Stromรผberschuss und im Winter einen Mangel, dann kรถnnte ein solcher Reaktor also etwa 7 TWh nรผtzlichen Winterstrom produzieren. Im Sommer mรผsste der Reaktor abgeschaltet werden, um nicht noch zusรคtzlich zum 15 TWh รœberschuss beizutragen.

Als Alternative zu einem neuen AKW oder einem saisonalen Wasserstoffspeicher fรผr รผberschรผssigen PV Strom schlagen wir vor, dieselbe Menge Winterstrom mit durch Reservekraftwerke abgesicherten Import zu decken. Das heisst, so lange Stromimporte zu tieferen Preisen mรถglich sind als die Kosten fรผr die erneuerbaren Brennstoffe, bleiben die zur Sicherheit bereitstehenden Reservekraftwerke ausser Betrieb.

Wir benutzen den Begriff Reservekraftwerk nicht im strikten Sinne des StromVG sondern allgemein fรผr jegliche Art von Kapazitรคtsreserve. Der Einfachheit halber nehmen wir an, dass die Importe im Winter zu 100% durch bereitstehende Reservekraftwerke abgedeckt sein sollen. Dazu kรถnnten wir z.B. einen Teil der heutigen fossilen Pflichtlager umnutzen zur Lagerung von erneuerbarem, bio- oder e-Methanol, das vermutlich zum grรถssten Teil importiert wรผrde.

Entsprechend unserem Framework fรผr Versorgungssicherheit basierend auf erneuerbarer Produktion, Importen und Reserve, ausbalanciert durch die Wasserkraft Speicher, fokussieren wir hier auf das Zusammenspiel von Importen und Reserve: Reservekraftwerke stellen die entsprechende Kapazitรคt sicher. Aber so lange mittelfristig Importe zu gรผnstigeren Konditionen mรถglich sind, bleiben diese ausser Betrieb. Die Wasserkraft bietet die nรถtige Flexibilitรคt damit die Importe zeitlich gerade dann stattfinden kรถnnen wenn irgendwo in Europa zum Beispiel gerade ein รœberschuss an Windstrom besteht.

Je nachdem wie hรคufig ein langfristiger Zusammenbruch des grenzรผberschreitenden Stromhandels oder eine ausgedehnte Mangellage zu erwarten ist, erhรถhen sich die Kosten durch den tatsรคchlichen Betrieb von Reservekraftwerken, da die erneuerbaren Brennstoffe relativ teuer sind.

Forschende der ETH und ZHAW haben kรผrzlich in dieser Studie solche Szenarien fรผr die Schweiz im Detail durchgerechnet und kommen unter anderem zum Schluss, dass in dem meisten Fรคllen Reservekraftwerke die mit flรผssigen Brennstoffen oder mit importiertem Gas betrieben werden, die wirtschaftlichste Lรถsung fรผr eine zuverlรคssige Stromversorgung wรคren.

Kostenabschรคtzung:
Zur Illustration zeigen wir hier in einer รผberschlagsmรคssigen Bierdeckelrechnung den groben Kostenvergleich zwischen einem neuen AKW der Flamanville-3 Klasse (Typ EPR) einerseits und abgesicherten Importen andererseits:
Die Stromgestehungskosten fรผr ein neues AKW sind schwer abzuschรคtzen. Der franzรถsische Cour des Comptes schรคtzt ca. 14 Rp. / kWh fรผr Flamanville 3. Fรผr den noch im Bau befindlichen Reaktor Hinkley Point C garantiert die Englische Regierung einen Differenzvertrag (CfD – Contract for Differences) von 92ยฃ pro MWh fรผr 35 Jahre ab Inbetriebnahme. Indexiert seit 2012 sind dies heute auch ca. 15 Rp. pro kWh. Angenommen der Strom ist im Sommer praktisch wertlos, dann sind die Gestehungskosten fรผr Winterstrom ca. um die 30 Rp. / kWh.

Wir nehmen an, ein รคquivalentes Reservekraftwerk besteht aus Gasturbinen mit 1.6 GW Anschlussleistung (Investitionskosten ca. 1.6 Mrd Fr. – Quelle: DK Energieagentur). Um mit einem Wirkungsgrade von ca. 50% 7 TWh Strom zu generieren brauchen wir ein Tanklager mit 14 TWh Speicherkapazitรคt fรผr erneuerbare flรผssige Brennstoffe. Die Investitionskosten dafรผr wรคren ca. 140 Mio Fr. (Quelle – IEA). Die totalen Investitionskosten wรคre also mit ca. 1.8 Mrd Fr. um mindestens eine Grรถssenordung kleiner als die im Artikel zitierten Kosten fรผr ein neues AKW oder fรผr einen saisonalen Wasserstoffspeicher.

Amortisiert zu 3% รผber 30 Jahre und 5-10% Unterhalt wรคren Fixkosten fรผr die Anlagen pro Jahr ca. 100-150 Mio Fr. Auf eine versicherte Jahresproduktion von 7 TWh wรคren dies ein Zuschlag von 1.5-2 Rp. pro kWh auf die Kosten des entsprechenden importierten Stroms.

Die Brennstoffkosten fรผr importiertes grรผnes Methanol wรคren nach heutigen Preisen auf dem Weltmarkt ca. 300-1000 Fr. pro Tonne (Quelle – IRENA). Bei einer Energiedichte von ca. 8000 kWh pro Tonne und einem Turbinen-Wirkungsgrad von 50% fรผhrt dies zu Brennstoffkosten von ca. 7-25 Rp. pro kWh Stromproduktion. Die gesamten Stromgestehungskosten fรผr das Reservekraftwerk wรคre also ca. 9-27 Rp. pro KWh. Bei Dauerbetrieb im schlimmsten Falle also bis etwa so hoch wie die Gestehungskosten fรผr ein neues AKW, welches nur im Winter betrieben wird.

Fรผr mehr Details zu diesen Berechnungen siehe auch unseren Hintergrundbericht zum Thema Saisonale Speicher.

Die Kosten fรผr Stromimporte liegen in der Regel etwas unter dem durchschnittlichen Strommarktpreis und bewegten sich in den letzten Jahren mit der Ausnahme von 2022 um die 5-8 Rp. pro kWh. Mit einem weiteren Ausbau von Wind und PV Produktion in Europa ist es zu erwarten, dass die Preise an der Strombรถrse bei starkem รœberschuss kurzfristig gegen null tendieren kรถnnten.

Nehmen wir an, dass langfristige Importunterbrรผche selten sind, dann wรคren die gewichteten durchschnittlichen Gestehungskosten nahe bei den Importpreisen. Z.B. fรผr eine Import-Ausfallquote von 5% wรคren die durchschnittliche Stromgestehungskosten fรผr die durch Reserve abgesicherte Energie also ca. 95% * 5-8 Rp Importkosten + 5% * 25 Brennstoffkosten + 2 Rp. Fixkosten = 8-11 Rp. pro KWh.

Auch unsere oben aufgefรผhrten eigenen Berechnungen zeigen, dass selbst im schlimmsten Fall die Kosten fรผr Winterstrom aus Importen, die durch Reserven abgesichert werden, etwa gleich wรคren wie fรผr ein Kernkraftwerk der Flamanville 3 Klasse. Im zu erwartenden Normalfall wรคren diese erheblich gรผnstiger.


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