Gewerkschaftsboss befürchtet Öko-Kriese wegen Stromabkommen

Autor: Jörg Hofstetter

Kürzlich zeichnete Gewerkschaftspräsident Pierre-Yves Maillard ein dramatisches Bild: Er warnte eindringlich vor einer ökologischen Katastrophe in der Schweiz (Tages-Anzeiger, 8. Juni 2025). Als Ursache machte er ausgerechnet das geplante Stromabkommen mit der EU aus (1).

Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die Liberalisierung des Strommarktes. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Eine gezielte Marktöffnung und eine enge Anbindung an den europäischen Stromhandel sind zentrale Voraussetzungen für einen erfolgreichen und bezahlbaren Energiewandel.

Die Grüne Partei hat diesen Zusammenhang erkannt – und mit ihrer Zustimmung zum Stromabkommen offenbar Maillards „Kurzschlussreaktion“ ausgelöst (2).

Maillard warnt, eine Marktliberalisierung würde die Elektrizitätswerke davon abhalten, weiterhin in erneuerbare Energien zu investieren, und damit den weiteren Ausbau bremsen. Doch das greift zu kurz – und lenkt von den tatsächlichen Herausforderungen ab.

Tatsächlich bestehen Risiken für den dezentralen und stark privat geprägten Photovoltaik-Ausbau auf Schweizer Hausdächern. Diese sehen jedoch ganz anders aus: An sonnigen Tagen produzieren die PV-Anlagen über Mittag enorme Strommengen. Beim weiteren, notwendigen Zubau drohen diese Spitzen in wenigen Jahren die Aufnahmefähigkeit des Netzes zu überfordern.

Gerade hier bietet eine Marktöffnung – etwa im Zuge eines Stromabkommens mit der EU – Chancen: Sie kann die Preisdynamik im Schweizer Strommarkt erhöhen und über neue Vergütungsmodelle gezielt Anreize für einen netzdienlicheren, flexibleren PV-Ausbau fördern. – In den nächsten Jahren besteht hier Handlungsbedarf. Eine demnächst auf dieser Plattform erscheinende Hintergrundrecherche soll einen kleinen Beitrag zur Aufklärung leisten.

Eine enge Zusammenarbeit im europäischen Strommarkt bringt noch einen weiteren entscheidenden Vorteil mit sich: Die Schweiz war schon immer auf Stromimporte im Winter angewiesen. Wie wir bereits in „Ode an den europäischen Stromhandel“ dargelegt haben, lässt sich durch den europäischen Stromhandel auch künftig die Netzstabilität sowie die Versorgungssicherheit mit erneuerbaren Energien am effizientesten und kostengünstigsten gewährleisten – insbesondere, weil Wind- und Sonnenenergie in den europäischen Ländern zeitlich versetzt anfallen.

Und eines dürfen wir nicht vergessen: Die Schweiz kann die Klimakrise nicht im Alleingang bewältigen – es braucht ein global abgestimmtes Vorgehen. Gerade wenn große Emittenten wie die USA derzeit zögern, ist es umso wichtiger, dass Europa geschlossen vorangeht und Verantwortung übernimmt.

Vor diesem Hintergrund ist die Panikmache von Herrn Maillard, ein Stromabkommen mit der EU könnte die Schweiz zurück in die Abhängigkeit von Gas, Erdöl oder gar Kohle treiben, nicht nur realitätsfern und irreführend, sondern auch klimapolitisch unverantwortlich.

(1) Tages Anzeiger, 8.6.2025, «Ökologische Katastrophe» – Maillard wirft Grünen vor, Energiewende zu behindern

(2) www.gruene.ch, 13. Juni 2025, “Bilaterale. Das Stromabkommen hilft der Energiewende


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