Autoren: Jรถrg Hofstetter, Bernhard Suter —
Der Ausbau der Photovoltaik (PV) verlรคuft rasant. In der Schweiz konnten in den vergangenen Jahren teils jรคhrliche Wachstumsraten von 30 bis 40 Prozent verzeichnet werden. Im Jahr 2024 deckte Solarstrom erstmals mehr als zehn Prozent des nationalen Strombedarfs. Doch mit dem Erfolg gehen auch neue Herausforderungen einher.
Die obige Grafik von Swiss Energy Charts zeigt, aufgeschlรผsselt nach Produktionstechnologien, die Schweizer Stromproduktion einer sonnigen Woche im Mai 2025. Dargestellt wird die mittlere Leistung รผber eine Stunde in Megawatt (MW).
Sofort fรคllt auf, wie sich die PV (gelb) und die Wasserkraft (blau) im Tagesrhythmus gegenseitig ablรถsen: Spitzenproduktion der PV รผber den Mittag und Spitzenproduktion der Wasserkraft am Morgen und am Abend. Eindrรผcklich die Leistung unserer Speicherseen (Speicherwasser und Pumpspeicher), welche fรผr den Ausgleich der tageszeitlichen PV-Schwankungen sorgen.
In dieser Grafik wird im rot umrandeten Bereich ein drรคngendes Problem sichtbar: Wรคchst die PV-Produktion weiterhin im gleichen Rahmen, wรผrde in der Grafik im markierten Bereich die Spitze der PV-Produktion jedes Jahr beinahe um 1000 MW zunehmen (1). An einem sonnigen Mittag bleiben dort aber nur noch ca. 2000 MW an Wasserproduktion, welche theoretisch durch zusรคtzliche PV-Produktion ersetzt werden kรถnnten (wobei es grundsรคtzlich wenig Sinn macht, Flusswasser/Laufwasser abzuschalten, um PV-Strom nutzen zu kรถnnen).
Um das Stromnetz in einer solchen Situation vor รberlastung zu schรผtzen, kรถnnten die Netzbetreiber die PV-Produktion wรคhrend den Spitzenzeiten sog. โabregelnโ, d.h. ganz vom Netz nehmen oder die Produktion beschrรคnken. Technisch kein Problem, auch andere Kraftwerke werden je nach Bedarf ein- und ausgeschaltet. Aber durch die gรคngigen Abnahmevertrรคge wรผrde dies fรผr manche PV-Produzenten Einkommenseinbussen bedeuten. Die entsprechende Unsicherheit wรผrde abschreckend auf Neu-Investitionen wirken und damit den dringend notwendigen Weiterausbau der Photovoltaik verlangsamen.
Theoretisch kรถnnte alternativ das Stromnetz ausgebaut werden, um mehr Strom aufzunehmen und zentral zu speichern. Ein solcher Netzausbau braucht aber seine Zeit, wรคre extrem teuer und mรผsste durch die Allgemeinheit finanziert werden, was weder รถkonomisch sinnvoll noch sozialvertrรคglich ist.
Die Lรถsung liegt vielmehr in einer dringend notwendigen Flexibilisierung von Produktion und Verbrauch. Dabei kรถnnen uns folgende Aspekte helfen:
- Dezentrale Speicherung: Batteriespeicher werden laufend billiger. Durch dezentrale Batterien direkt beim Produzenten, welche wรคhrend den Mittagsspitzen aufgeladen werden, kann die Situation entspannt werden. Leider ist es heute so, dass viele der eingesetzten Batterien an sonnigen Tagen bis Mittags bereits aufgeladen sind.
- Ausrichtung der PV Module: Durch eine West-Ost Ausrichtung der Module und Fassaden-PV kรถnnen die Mittagsspitzen reduziert und erst noch mehr Produktion im Winter erreicht werden. Grundsรคtzlich fรผhrt dies aber heute zu einem verminderten Ertrag, weil wertvoller Winterstrom heute noch nicht entsprechend vergรผtet wird.
- Lastverschiebung: Steuerbare, nicht konstante Lasten, wie z.B. die Warmwasseraufbereitung in Privathaushalten, kรถnnen gezielt wรคhrend den PV-Spitzenzeiten eingeschaltet werden, anstatt wรคhrend der Nacht, wie es heute noch oft der Fall ist. Generell sollte die Stromproduktion mit Verkehr, Heizung und Industrie enger gekoppelt werden (sog. Sektorenkopplung). So kann รผberschรผssiger Strom als Wรคrme (in Tanks oder Boden) fรผrs Heizen gespeichert werden, E-Autos bevorzugt bei Stromspitzen geladen werde oder fรผr die Herstellung von chemischen Energietrรคgern (Power-to-Gas, Power-to-Liquid) genutzt werden.
- Export: รberschรผssige Produktion in Lรคnder exportieren, in denen noch flexible Kraftwerke kurzfristig abgeschaltet oder gedrosselt werden kรถnnen. Dieses Potential wir jedoch generell immer kleiner, da รผberall in Europa die PV stark ausgebaut wird. Zudem mรผsste dazu auch das Netz ausgebaut werden.
Lรถsungen gibt es also. Weitere Ideen und deren Bewertungen finden sich in unserem Hintergrundbericht. Die Frage bleibt, wie kรถnnen wir die nรถtigen organisatorischen und รถkonomischen รnderungen rasch und gerecht in die Wege leiten.
In einem ersten Schritt mรผssen insbesondere Massnahmen auf Seite der Produktion ergriffen werden. In der Schweiz ist die PV-Produktion weitgehend dezentral aufgebaut, d.h. es gibt viele private Produzenten, die Solarstrom auf ihrem Dach teilweise fรผr den Eigenbedarf aber auch fรผr die Netzeinspeisung produzieren. Aktuell haben Produzenten wegen fixen Abnahme-Tarifen oder gesetzlich bindenden Minimaltarifen wenig Anreize sich โnetzdienlichโ zu verhalten โ das fรผhrt dazu, dass die Leistungsspitzen รผber Mittag oft vollstรคndig ins Netz eingespeist, anstatt gedrosselt oder gespeichert werden. Gerade รคlteren Kleinanlagen fehlt oft auch (noch) die technische Infrastruktur, um sich automatisiert โrichtigโ, d.h. systemdienlich, zu verhalten.
Eine Mรถglichkeit bestรผnde darin, den PV-Produzenten รผber dynamische Abnahmepreise den aktuellen Wert der erzeugten Energie zu signalisieren und sie dadurch zu Investitionen in entsprechende Anpassungen zu motivieren.
Effizienter und erfolgsversprechender wรคre aber, wenn Produzenten und Netzbetreiber gemeinsam neue Tarifmodell fรผr die Produktionsvergรผtung aushandeln, welche den Produzenten Investitionssicherheit und Anreize fรผr eine freiwillige Beschrรคnkung der maximalen Einspeiseleistung bietet. Einzelne Elektrizitรคtswerke sind bereits daran solche neuen Tarifmodelle zu entwickeln. Siehe dazu auch unseren Hintergrundbericht. Auch der VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitรคtsunternehmer) hat das Problem erkannt (2)
Die Zeit drรคngt. Die relevanten Verbรคnde der Strombranche sollten sich dringend an einen Tisch setzen und gemeinsame, flรคchendeckende Lรถsungen erarbeiten. Andernfalls wird letztendlich die Politik gesetzgeberisch eingreifen mรผssen, was aber deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt.
(1) Ende 24 sind gemรคss Swiss Energy Charts ca. 8.2 GW PV installiert. Im Mai 2025 werden gemรคss obiger Grafik รผber die Mittagszeit mittlere stรผndliche Produktionsspitzen von รผber 5 GW erreicht, d.h. ca. 60 % der installierten Leistung. Rechnen wir weiterhin mit einem Ausbau der installierten Leistung von 1.5 GW pro Jahr, wird (bei gleichbleibendem Verhรคltnis) jedes Jahr die Mittags-Spitze fast um ein 1000 MW wachsen.
(2) VSE:
Eine Analyse von Christof Bucher, Professor fรผr Photovoltaiksysteme an der Berner Fachhochschule (BFH):
https://www.strom.ch/de/perspective/solarstrom-krempelt-die-elektrische-energieversorgung-um
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