Autor: Jรถrg Hofstetter โ
economiesuisse und NZZ haben kรผrzlich folgende Behauptungen zu AKWs verbreitet (1):
– โBaut die Schweiz ein neues AKW, ist das Sicherheitsrisiko vernachlรคssigbarโ. (NZZ).
– โDas Risiko neuerer Generationen von KKW ist damit so gering, dass kein relevanter Unterschied zu den Erneuerbaren mehr festgestellt werden kann.โ (economiesuisse)
– โKernkraftwerke gelten vielen als kaum versicherbares Risiko โ doch eine neue Studie kommt zu einem anderen Schlussโ. (NZZ)
Beide beziehen sich auf eine neue Studie von Prof. Dr. Hato Schmeiser (2). Bei nรคherer Betrachtung finden sich dort aber kaum valide Grundlagen fรผr die obigen Behauptungen.
Die Studie verzichtet bewusst auf eine eigene Risikoanalyse neuer AKW-Generationen. Vielmehr basieren die versicherungstechnischen Berechnungen aus Mangel an empirischen Daten auf publizierten Expertenschรคtzungen. Bei Economiesuisse tรถnt dies dann so: โStudie zeigt erstmals in Zahlen: Neue Generationen von Kernkraftwerkenย bringen massive Sicherheitsgewinneโ. Dies ist falsch, solche Expertenschรคtzungen gibt es schon lange, auch fรผr neue AKW-Generationen. Da aber praktische Erfahrungen kaum vorhanden sind, sind diese auch nicht unbestritten.
Ziel der Studie ist es vielmehr, die Auswirkungen der vermuteten, besseren Sicherheitsstandards von Kernkraftwerken der neuesten Generation auf Versicherungsprรคmien und Deckungssummen zu analysieren.
Um Risiken versicherungstechnisch bewerten zu kรถnnen, sind zwei Aspekte zentral: Wie oft tritt ein Schadensereignis ein (Eintrittswahrscheinlichkeit) und wie gross ist die potentielle Schadenshรถhe. Schwere AKW-Unfรคlle treten extrem selten ein, praktische Erfahrungen deuten aktuell auf alle 10-20 Jahre hin. Aber die Schadenshรถhe kann so hoch ausfallen, dass auch eine Verbesserung der Sicherheit noch immer zu einem nicht akzeptierbaren Risiko fรผhrt.
Fukushima hat gezeigt: Mit geschรคtzten 200 Milliarden Euro Schadenssumme sprengt ein AKW-Unfall das รผbliche Versicherungsmass. In der Schweiz ist die Absicherung vergleichsweise gering: Nach den 1,2 Milliarden des Nuklear-Versicherungspools und einer Aufstockung durch den Bund auf 1,5 Milliarden bleibt nur noch die unbegrenzte Haftung der Betreiber. Da diese bei einem Grossunfall jedoch umgehend in Konkurs gingen, ist das finanzielle Risiko faktisch nicht ausreichend abgesichert.
Die zitierte Studie untersucht konkret die Frage, ob bei hรถheren Deckungssummen (mehrere 10 Milliarden Euro) und verbesserten AKWs (4) die Versicherungsprรคmien wirtschaftlich tragbar wรคren. Sie kommt zum Schluss, dass dies theoretisch mรถglich wรคre, lรคsst aber die Frage unbeantwortet, ob dies in der Praxis auch umsetzbar ist. In der Studie selber werden die Grenzen solcher Modellrechnungen aufgezeigt: โSehr hohe Schรคden kรถnnen zu Ausfallrisiken der Risikotrรคger [Pleiten] fรผhren, sodass berechtigte Entschรคdigungszahlungen mรถglicherweise nicht geleistet werden kรถnnen. Zudem kann es in solchen Szenarien zu grossen Kapitalmarkteinbrรผchen kommen, die starke Geldentwertungen mit sich bringen kรถnnten. In einem solchen Fall wรคren selbst geleistete Entschรคdigungszahlungen nicht in der Lage, einen Wiederaufbau sicherzustellen.โ – Dies hat die NZZ wohl รผberlesen.
Auch die Argumentation von economiesuisse wirft weitere Fragen auf: Wie lรคsst sich die Gleichsetzung von AKWs und erneuerbaren Energien in Bezug auf ihr Risikoprofil rechtfertigen? Die Argumentation ist eher unklar, immerhin wird darauf hingewiesen, dass auch die Wasserkraft in ihren Kosten nicht alle Risiken, insbesondere der Bruch eines Staudammes, abdeckt. Tatsรคchlich teilen sich Speicherseen und AKWs eine spezifische Problematik: Beide beinhalten Grossrisiken mit minimaler Wahrscheinlichkeit, aber immensen Auswirkungen im Ernstfall.
Im Vergleich zu Speicherseen weisen AKWs einen fundamentalen Unterschied auf: Wรคhrend ein Staudammbruch โ etwa infolge eines schweren Erdbebens oder extremen Hochwassers โ ein rรคumlich und zeitlich begrenztes Katastrophenereignis darstellt, birgt ein nuklearer Unfall aufgrund der langfristigen radioaktiven Kontamination eine ganz andere Dimension eines Schadenspotentials. Weniger durch die Zerstรถrung von Gebรคuden und Infrastruktur, sondern vielmehr durch die langfristige Errichtung von Sperrzonen. Da AKWs in der Schweiz zwingend im dichtbesiedelten Mittelland an Flรผssen liegen, wรผrde ein schwerer Stรถrfall die Evakuierung dichtbesiedelter Regionen (beispielsweise zwischen Basel und Luzern) erzwingen. Dies wรผrde das Mittelland geografisch entzweien und die Frage aufwerfen, wo die betroffene Bevรถlkerung untergebracht werden soll. Eine massive Binnenwanderung oder gar Migration ins Ausland wรคre die Folge. Die schweizerische Wirtschaftsleistung wรผrde auf jeden Fall รผber Jahre abgeschwรคcht werden, was praktisch nicht versicherbar ist. Eine existentielle Kriese! – Mehr Sicherheit der AKWs kann zwar ein solches Ereignis weniger wahrscheinlich machen, รคndert aber nichts am strukturellen Problem: Der Schweiz fehlt schlicht die Flรคche fรผr AKWs in unbewohntem Gebiet!
Fazit: Hier wird eine grundsรคtzlich nรผtzliche Studie durch economiesuisse und der NZZ zweckentfremdet, um unhaltbare Thesen zu verbreiten. Offenbar genรผgt es heutzutage, Behauptungen ohne belastbare Grundlagen in den Raum zu stellen, solange sie in die eigene Argumentation passen.
(1) https://www.economiesuisse.ch/de/artikel/studie-zeigt-erstmals-zahlen-neue-generationen-von-kernkraftwerken-bringen-massive, zeletzt besucht: 14.3.2026
https://www.nzz.ch/schweiz/economiesuisse-studie-baut-die-schweiz-ein-neues-akw-ist-das-sicherheitsrisiko-vernachlaessigbar-ld.1927732, zuletzt besucht: 14.3.2026
(2) Professor Dr. Hato Schmeiser , โZum Einfluss von Risikokosten auf den Strompreis im Kontext der Kernenergieโ , 20.11.2025
(3) Kernenergiehaftpflichgtgesetz
https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2022/43/de
(4) Die Studie geht davon aus, dass die neuen Kraftwerkstypen der 3+ Generation etwa 100 mal sicherer sind als der Sicherheitstandard รคlterer Typen.
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Vielen Dank, Jรถrg Hofstetter, fรผr die sorgfรคltige Analyse. Durch die oberflรคchliche Berichterstattung รผber die Studie von Prof Schmeiser nimmt sich die NZZ m.E. in Bezug auf relevante Beitrรคge zur KKW Debatte damit selber aus dem Rennen.
Sehe ich auch so. Ich hoffe, dass wir dies der breiten Bevรถlkerung bewusst machen kรถnnen.
Ich vertraue da lieber auf professionelle Riskmanager grosser Rรผckversicherer. Mir wurde Folgendes erklรคrt: AKW sind die sicherste Technologie, die wir kennen. Sie sind auf einen Grรถssten Anzunehmenden Unfall (GAU) alle 10’000 Jahre ausgelegt. Wir haben von diesen Installationen ca. 500. Wenn Sie nun die 10’000 Jahre durch 500 teilen, kommen 20 Jahre heraus. Wenn Sie nun รผberlegen, welche Zeitspannen zwischen Lucens, Three-Mile-Island, Cernobyl und Fukushima liegen, dann kommen Sie wieder auf diese 20 Jahre. Grosszรผgig kรถnnen wir sagen: Die Ingenieure haben geliefert, was versprochen wurden. Allerdings wรคre ein Rรผckversicherer, der diese AKW versichert hรคtte, alle 20 Jahre pleite. Das ist kein akzeptables Business Modell. Darum tragen wir alle in der Bevรถlkerung das Risiko. Und zwar ungefragt! Dafรผr dรผrfen wir aber รผber brandgefรคhrliche Minarette abstimmen. Die sind offenbar viel gefรคhrlicher.
Um bsp. den Grossraum Zรผrich vor Zerstรถrung durch einen Krieg zu schรผtzen, investieren wir pro Jahr einige Milliarden in die Armee.
Was ich nicht verstehe, ist jedoch, dass wir nicht bereit sind, mehrere Milliarden pro Jahr in die Energiewende zu investieren, um Technologien hochzuskalieren, die nicht das Verstrahlungsrisiko von Zรผrich bringen, wie unsere AKWs upwind von Zรผrich.
Versteht Ihr es?
Ich verstehe es auch nicht.
Ich denke wir mรผssen noch vermehrt darauf aufmerksam machen, dass die Energiewende (Ablรถsung vom Verbrennen von fossilen Brennstoffen und Uran) dabei hilft, die Schweiz unabhรคngiger von Auslรคndischen Produzenten-Staaten zu machen, also ein Teil der Verteidigung sind.
Ein weiterer Gedanke nach dem Durchlesen der Studie: das Argument der Wettbewerbsverzerrung zwischen Kernkraft und Wasserkraft durch die Forderung nach Internalisierung der Risiken wirkt kรผnstlich aufgesetzt, denn es besteht in der aktuell interessierenden Diskussion ja gar kein Wettbewerb zwischen Wasserkraftwerken und Kernkraftwerken. Es geht ja nicht darum, ob neue grosse Staudรคmme mit entsprechenden Grossrisiken oder Kernkraftwerke gebaut werden sollen. Es geht um den Wettbewerb zwischen neuen KKW und neuen Erneuerbaren Energietrรคgern. Die berechtigte Forderung lautet nach Internalisierung der Risiken beider Alternativen bzw. darum, dass die Risiken fรผrs Mittelland, welche sich z.T. der versicherungswirtschaftlichen Schรคtzung entziehen, รผberhaupt in der Diskussion berรผcksichtigt werden.
>>>Es geht um den Wettbewerb zwischen neuen KKW und neuen Erneuerbaren Energietrรคgern.[und nicht um neue, grosse Staudรคmme]
Sehr guter Hinweis, Merci!