Grรผner Wasserstoff, fossilfrei hergestellt, wird uns durch die EU, diverse Think-Tanks und Lobby-Gruppen, ja selbst den Weltklimarat IPCC [1], als universeller Hoffnungstrรคger zur รberwindung der Klimakriese angepriesen. Entsprechend wird am Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur geplant und investiert.
Um aber fatale Fehlinvestitionen zu vermeiden, mรผssen wir neben den interessanten Eigenschaften von grรผnem Wasserstoff auch dessenโNachteile kennen:
- Energieverschwendung: Die Produktion von Wasserstoff ist energieintensiv. So braucht z.B. Ein Wasserstoffauto mit Brennstoffzellen 2-3x soviel Strom wie ein Elektroauto.
- Klimaerwรคrmung: Wasserstoff ist formell kein Klima-Gas, gelangt es aber durch Leckagen in die Atmosphรคre, ist es indirekt klimaaktiver als CO2.
- Die Speicherung von Wasserstoff braucht grosse Volumina, daher muss er unter hohem Druck gespeichert werden (Energie und Kosten).
- Aus Wasserstoff gewonnene Produkte, zusammengefasst unter Power2X, beheben teilweise Transport- und Speicherprobleme, sind aber noch ineffizienter und haben zusรคtzliche Probleme.
Aus diesen Grรผnden sollten wir Wasserstoff gezielt dort einsetzen, wo es keine bessere Alternative gibt, wie z.B. der chemischen Industrie, in der Stahlproduktion und beim Fliegen.
Was fasziniert so an Wasserstoff?
Jules Verne formulierte es 1870 in seinem Werk „die geheimnisvolle Insel“ [7]:
„Das Wasser ist die Kohle der Zukunft. Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. Die so zerlegten Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, werden auf unabsehbare Zeit hinaus die Energieversorgung der Erde sichern“.
Diese Vision ist heute wahr geworden. In einer Brennstoffzelle kann aus Wasserstoff und Sauerstoff CO2-frei Energie erzeugt werden. Neben freigesetzter Energie wird dabei Wasser als Abfall produziert. Chemische Formel: 2 H2 + O2 -> 2 H2O + Energie
(Neben der Brennstoffzelle gibt es auch Wasserstoff-Verbrennungsmotoren. Hier seht es bezรผglich Abfallprodukten schlechter aus, insb. werden auch Stickstoffoxide erzeugt).
Das tรถnt doch recht verheissungsvoll! Mit der entstehenden Energie kรถnnte man Autos, Schiffe und Flugzeuge ohne fossile Treibstoffe antreiben oder Wรคrme erzeugen.
Fossile Rohstoffe dienen aber nicht nur als Energiequelle, sondern auch als Rohstoffquelle fรผr Kohlenstoff, einer zentralen Bausubstanz fรผr chemische Produkte wie Methanol und Ammoniak oder Endprodukte wie Kunststoffe und Dรผnger [2]. Grรผner Wasserstoff kann damit alternativ zu fossilen Rohstoffen als Ausgansmaterial fรผr viele Chemische Prozesse eingesetzt werden. Neben forciertem Recycling gibt es dabei kaum Alternativen zum Einsatz von grรผnem Wasserstoff.
Wasserstoff-Produktion ist energieintensiv
Fรผr das Ziel „CO2 Netto-Null“ kommt nur sog. „grรผner“ Wasserstoff in Frage, der z.B. durch die Aufspaltung von Wasser mittels Solar-Strom gewonnen wird. Dabei zeigt sich einer der Hauptnachteile der Wasserstoffproduktion: die schlechte Energie-Effizienz (Wirkungsgrad). Um z.B. eine bestimmte Menge Wasserstoff-Energie fรผr den Auto-Antrieb zu produzieren, muss etwa 2-3x soviel Energie aufgewendet werden, als wenn der Strom via Batterien einem Elektromotor zugefรผhrt wรผrde (siehe Abbildung 1). Diese gewaltige Energieverschwendung wรผrde den Stromverbrauch massiv erhรถhen, in letzter Konsequenz wohl zu neuen Kernkraftwerken fรผhren. Die Idee, zukรผnftigen Photovoltaik-รberschรผsse im Sommer fรผr die Wasserstoffproduktion zu verwenden, wรผrde ebenfalls den Preis in die Hรถhe treiben, da die Produktionsstรคtten nur im Sommer ausgelastet wรคren.
Es gibt noch weitere Hรผrden fรผr den ungezรผgelten Wasserstoffeinsatz.
Wasserstoff indirekt klimaaktiver als CO2
Wasserstoff gehรถrt formal nicht zu den klimaaktiven Gasen, wie etwa CO2 oder Methan. Aber neuer Studien zeigen, dass es indirekt klimaaktiver als CO2 ist [3] [4].
Wasserstoff in der Atmosphรคre fรผhrt zu mehreren chemischen Reaktionen. Primรคr wird der Methanabbau in der Atmosphรคre verzรถgert. Da Methan sehr stark klimaaktiv ist, hat dies gravierende Auswirkungen auf unser Klima. Schon heute gelangt รผbrigens Wasserstoff in die Atmosphรคre, nicht zuletzt auch durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe.
Im Detail betrachtet gibt es mehrere Effekte von Wasserstoff in der Atmosphรคre:
– H2 + OH -> H2O + H: Wasserstoff reagiert mit OH-Radikalen. Diese erfรผllen aber eine wichtige Aufgabe, sie bauen Methan ab, reduzieren daher die Treibhauswirkung.
– Die produzierten H-Atome reagieren mit Sauerstoff und Stickstoff was zu bodennahem Ozon fรผhrt.
– Mehr Wasserstoff fรผhrt zu mehr Wasserdampf (H2O) in der Stratosphรคre, welche damit abkรผhlt. Zudem erhรถht sich die Wahrscheinlichkeit stratosphรคrischer Wolkenbildung, was die Bildung des Ozonlochs begรผnstigen kann.
Erst neuere Studien aus dem Jahre 2022 berรผcksichtigen in ihren Modellen alle bekannten Effekte. Aktuell rechnet man mit einem Treibhausgaspotential (wie viel eine bestimmte Masse Wasserstoff im Vergleich zur gleichen Masse CO2 zur Erwรคrmung beitrรคgt) von 6-16 รผber 100 Jahre. Die Unsicherheiten sind aber noch relativ gross, siehe dazu den รbersichtsbericht [4].
Solange Wasserstoff nicht in die Atmosphรคre gelangt, passiert nichts. Leider ist Wasserstoff aber ein sehr flรผchtiger Stoff, der Bau von dichten Leitungen und Ventilen ist sehr aufwendig. Auch muss der Austritt von Wasserstoff bei notwendigen Unterhalts Arbeiten konsequent verhindert werden. Man rechnet gesamthaft mit Leckagen von 1-10% [4], die Unsicherheiten sind also relativ gross.
Wegen mรถglichen Klimaauswirkungen, insbesondere aber auch wegen Kosten und Energieverschwendung, mรผssen wir den Einsatz von Wasserstoff auf diejenigen Bereiche fokussieren, bei denen es keine Alternativen zu Wasserstoff gibt.
Wasserstoff weiter verarbeitet – Power-to-X
Einige Nachteile von Wasserstoff, wie das grosse Speichervolumen und die schlechte Transportierbarkeit, kรถnnen durch eine Weiterverarbeitung verbessert werden. Der Sammelbegriff Power-to-X umfasst mehrere Verfahren in denen aus dem Grundstoff Wasserstoff e-Treibstoffe (e-Fuels), e-Methanol, e-Ammoniak etc. hergestellt wird. Im Gegensatz zu einer Brennstoffzelle entsteht bei Verwendung von e-Treibstoffen am Ort der Verbrennung CO2. Da aber bei der Produktion dieses Treibstoffes die gleiche Menge CO2 benรถtigt/konsumiert wird, kann man den gesamten Kreislauf als CO2 neutral bezeichnen. Allerdings braucht dieser Prozess nochmals mehr Energie, wie Abbildung 1 zeigt.

Abbildung 1: Effizient von Wasserstoff und E-Fuels, [5]
Wozu soll Wasserstoff sinnvoll eingesetzt werden?
Abbildung 2 zeigt mรถgliche Einsatzbereiche fรผr Wasserstoff und ihre Nรผtzlichkeit auf (von A = Alternativlos bis G = unwirtschaftlich). Fรผr die Produktion von Dรผngemittel, die Schifffahrt und Langstreckenflรผge wird Wasserstoff wohl unverzichtbar sein (bei den letzteren in Form von e-Fuels). Im Auto oder zum Heizen dรผrfte Wasserstoff zu teuer, zu energieintensiv und zu klimaschรคdlich (dezentrale Verteilung) sein, insbesondere da bessere Alternativen zur Verfรผgung stehen.

Abbildung 2: Einsatzbereiche von Wasserstoff [6]
Eine interessante Frage dรผrfte sein, ob Wasserstoff als Langfrist-Stromspeicher, in der obigen Grafik immerhin auf Stufe B, tatsรคchlich zum Einsatz kommen wird. In der Schweiz werden wir ab ca. 2040 vermehrt solche Langfristspeicher brauchen [8]. Allerdings gibt es auch potentielle Alternativen, wie z.B. Druckluftspeicher oder verbesserte Batterien. Auch Wรคrmespeicher kรถnnen den Strombedarf im Winter reduzieren, ein Thema das aktuell noch unterschรคtzt wird.
Nun, wir haben noch etwas Zeit bis 2040, nutzen wir diese fรผr entsprechende Forschungen und Versuchsanlagen, anstatt heute kopflos fragwรผrdige Wasserstoff-Infrastrukturen aufzubauen. Konzentrieren wir uns heute auf das was klar ist: Photovoltaik, Windkraft und Speicherseen, unter der Berรผcksichtigung des Themas Winterstrom, zรผgig auszubauen.
Ja, ich mรถchte รผber neue Beitrรคge informiert werden:
[1] IPCC Sixth Assessment Report, 2022, https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg3/downloads/report/IPCC_AR6_WGIII_FullReport.pdf, Kapitel 1.4.3
[2] Der Umbau der Chemieindustrie Spektrum der Wissenschaft, 9/2023
[3] Maria Sand, A multi-model assessment of the Global Warming Potential of hydrogen, 2023, https://www.nature.com/articles/s43247-023-00857-8
[4] Umweltbundesamt, Ist Wasserstoff treibhausgasneutral? – Stand des Wissens in Bezug auf diffuse Wasserstoffemissionen und ihre Treibhauswirkung, 2023, https://www.umweltbundesamt.de/dokument/ist-wasserstoff-treibhausgasneutral-stand-des
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Power-to-X
Bildquelle: vde autoantriebeimvergleich cc-by-sa heinricht-boell-stiftung2 0.jpg
[6] Gregor Hagedorn, Wolf-Peter Schill & Martin Kittel, based on Michael Liebreich/Liebreich Associates, Clean Hydrogen Ladder, Version 4.1, 2021. Concept credit: Adrian Hiel, Energy Cities – https://mobile.twitter.com/wozukunft/status/1436681783920242696,
siehe auch Wikipedia.
[7] Jules Verne, 1870, https://www.zitate-online.de/sprueche/kuenstler-literaten/19241/das-wasser-ist-die-kohle-der-zukunft-die.html
[8] Nordmann und Hofstetter, Stresstest Energiewende, 2023,
https://co2nettonull.com/dreamteam-wasserkraft-und-solarstrom-fuer-die-zukuenftige-energiewende/
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Sehr richtig, was im Artikel steht.
Ich mรถchte lediglich noch ergรคnzen, dass wir uns wahrscheinlich auch mit den รผbrigbleibenden Anwendungen fรผr Wasserstoff und E-Fuels ein paar Illusionen machen. Ich habe mal nachgerechnet, dass der Strombedarf der Schweiz sich glatt verdoppeln wรผrde, wenn wir alle Flieger mit E-Fuels starten wรผrden. Das scheint mir in absehbarer Zeit nicht sehr realistisch.
Interessanter Punkt. Kleine Nachfrage:
Bei der CO2 Verrechnung von internationalen Flรผgen kann man sich ja bis heute nicht einigen, wie man dies den einzelnen Staaten belasten soll.
Wie haben Sie dies in Ihrer Berechnung gemacht?