Wasserstoff – offener Brief an economiesuisse

Economiesuisse hat einen Bericht zur โ€œEnergieversorgung mit Wasserstoffโ€ publiziert [1], der Wasserstoff als „Sackmesser der Energiewende“ preist. Wasserstoff wird dabei auch als Langzeitspeicher propagiert, um Strom vom Sommer in den Winter zu verschieben. Der Bericht lรคsst dabei wichtige Nachteile von Wasserstoff aus, und mรถgliche Alternativen bleiben unerwรคhnt.
Da diese Diskussion von allgemeinem Interesse ist, erfolgt diese Replik in Form eines offenen Briefes.

An die Autoren des economiesuisse-Berichtes:
Es ist sehr erfreulich, dass sich economiesuisse mit dem Bericht โ€œEnergieversorgung mit Wasserstoffโ€ in die Diskussion fรผr eine sicheren Energiewende einbringt. Ihr Bericht, der Wasserstoff als Hoffnungstrรคger der Energiewende preist, beinhaltet interessante Aspekte. Aber es fehlen auch zentrale Aspekte. – Auch ich bin รผberzeugt, dass Wasserstoff eine wichtige , wenn auch etwas andere Rolle bei der Energiewende spielen wird.

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Wasserstoff in der Atmosphรคre indirekt klimaaktiver als CO2 ist, indem er den Methanabbau behindert. Die grosse Frage, die bis anhin noch niemand รผberzeugend beantworten konnte (was angesichts der Brisanz รผberrascht), lautet daher: Wieviel Wasserstoff wird insbesondere beim Transport/Verteilung durch Leitungen, Ventile und Spรผlprozesse in die Atmosphรคre gelangen? – Die Schรคtzungen gehen weit auseinander. Diese lรคsst die Verwendung bestehender Gasleitungen oder eine grosse Anzahl dezentraler Wasserstoff-Zapfstellen besonders fragwรผrdig erscheinen. Fรผr Details und Quellenangaben zu den Studien mรถchte ich auf folgenden Blog-Artikel verweisen: https://co2nettonull.com/2023/12/27/wasserstoff-mit-verstand-einsetzen/.

Sie erwรคhnen in Ihrem Bericht zu Recht, dass wir nach den Abschaltung der letzten AKWโ€™s zusรคtzliche Langzeitspeicher brauchen, um Energie aus dem Sommer fรผr den Winter zu speichern. Richtig ist auch, dass entsprechende Grundlagen fรผr eine Entscheidungsfindung bereits heute diskutiert werden mรผssen. Viele, auch Sie, propagieren dazu etwas einseitig den Einsatz von Wasserstoff als Langzeitspeicher. Da der Wasserstoff-Pfad (inkl. Power2X) nicht ohne Nachteile/Risiken ist, sollten wir unbedingt auch Alternativen prรผfen. Dies noch aus einem anderen Grund: Wasserstoff ist ein grundlegender Stoff fรผr den Umbau unserer Kohlenstoff-Chemie [2]. Primรคr werden wir in nรคherer Zukunft wohl den produzierten/importierten grรผnen Wasserstoff dafรผr ein setzen mรผssen, einfach weil es in diesem Bereich kaum Alternativen gibt! Auch der klimaneutrale Betrieb von Flugzeugen wird wohl in Zukunft ohne Wasserstoff/Power2X kaum mรถglich sein.

Aber gibt es รผberhaupt Alternativen zum Langzeitspeicher Wasserstoff?

Wie so oft im realen Leben gibt es keine einfache Antwort mit einer einzigen Lรถsung/Technologien. Die Alternative liegt vielmehr in der Diversitรคt, d.h. der geschickten Kombination mehrerer Technologien.

  • Der Ausbau der Photovoltaik (PV) stellt den Grundpfeiler dar. Allerdings braucht es fรผr eine mรถglichst kontinuierliche Stromproduktion PV-Anlagen mit unterschiedlichen Ausrichtungen und auch Alpine-PV, um Hochnebellagen im Mitteland im Winter zu รผberbrรผcken.
  • Da Wind auch im Winter und dann weht, wenn die Sonne nicht scheint, braucht es auch Windanlagen.
  • Unsere Speicherseen stellen mit zusammen PV und Wind eine ideale Ergรคnzung dar. Bis knapp vor 2040 wird dieses โ€œDreamteamโ€ die Situation meistern kรถnnen, wenn wir unsere Speicherseen konsequenter fรผr die Reservehaltung nutzen (ich bin daran zusammen mit Thomas Nordmann dies in einer Simulation aufzuzeigen). Aber auch bei einem moderatem Ausbau der Speicherseen wird es nach 2040 etwas โ€œZusรคtzlichesโ€ brauchen.
  • Wiederaufladbare Batterien sind heute in der Lage Strom รผber Monate zu speichern. Trotzdem werden Batterien alleine kaum die nรถtige Langzeitspeicherung รผbernehmen. die Strompreise von Batterien hรคngen stรคrk von der Anzahl Lade-/Entladezyklen ab. Sie sind zu teuer um primรคr einmal im Jahr geladen und dann im Winter entladen zu werden. Aber spรคtestens um 2030 werden Batterien vermehrt eingesetzt werden insb. zur schnellen Stabilisierung des Netzes (Frequenzstabilisierung), was bis anhin klassische Generatoren durch ihre Physik (Trรคgheit) รผbernommen haben. Vermehrt werden neuartige Batterien zusammen mit Akkus in den e-Autos zum รœberbrรผcken der Nacht und sonnenschwacher Tage verwendet werden. Damit kรถnnen unsere Speicherseen im Winter entlastet werden und diese damit mehr Reserven fรผr die letzten Wintermonate halten.
  • Wรคrmespeicher mรผssen unbedingt bei der Planung der Stromversorgung einen grรถsseren Stellenwert erhalten. Natรผrlich ist es wenig effizient aus gespeicherter Wรคrme Strom zu erzeugen. Vielmehr muss gespeicherte Wรคrme dazu verwendet werden den Strombedarf (z.B. fรผr Wรคrmepumpen) wo immer mรถglich zu verringern. Siehe dazu [3] [4].
  • Demand Side Management (DSM): Der Bedarf am Strom folgt keinen Naturgesetzten sondern unseren Bedรผrfnissen. Indem unkritische Bereiche bei Mangellagen ausgeschaltet werden kรถnnen, sind die Spitzenlasten besser planbar und die Infrastruktur muss nicht unnรถtig ausgebaut werden. Dazu gibt es unterschiedliche Ansรคtze. Einerseits sind zentral gesteuerte Abschaltungen (Smart Grid) denkbar , aber auch eine entsprechenden Strompreisgestaltung kann helfen, oder Firmen kรถnnen in einer Versteigerung ihre Stromeinsparungen verkaufen (wer bietet mehr Stromeinsparung fรผr einen bestimmten Geldbetrag?).
  • Europรคischer Strom-Verbund: Komplexe Risiken, d.h. das gleichzeitige Eintreten mehrerer kritischer Ereignisse, kann nur im europรคischen Verbund sinnvoll abgedeckt werden.
  • Biomasse spielt in den meisten Energieszenarien eine wesentliche Rolle, wird aber meist รผbers ganze Jahr gleichmรคssig eingesetzt. Teilweise kann diese statt zu Wรคrme oder Strom in Biokraftstoffe oder Biogas umgewandelt werden. Diese sind gut speicherbar und kรถnnen im Winter zur Stromproduktion eingesetzt werden. Diese Option muss noch besser untersucht und ausgebaut werden.
  • Geothermie: Eine Energieform die unabhรคngig von Jahreszeitlichen Schwankungen ist und damit beitragen kann Produktionsschwankungen der PV zu mindern.
  • Druckluft-Speicher: Luft komprimieren und speichern um damit Turbinen anzutreiben. Hier sind aber noch nicht alle technischen Fragen geklรคrt, es braucht noch Forschung.

Solange die Zweifel bezรผglich der Klimaaktivitรคt von Wasserstoff nicht geklรคrt sind, und da wir grรผnen den Wasserstoff primรคr fรผr andere Zwecke brauchen , ist der oben skizzierte, diverse Weg unbedingt offen zu halten. Ich hoffe auch die economiesuisse wird sich nicht einseitig und vorschnell der Variante Wasserstoff fรผr Langzeitspeicher verschreiben.

Wichtig scheint mir nun, dass die weitere Forschung und Entwicklung entsprechender Szenarien betr. Klimavertrรคglichkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit etc. in beiden Bereichen (Wasserstoff & Divers) vorangetrieben werden. Grรถssere und langfristige Investitionen sollen primรคr dort erfolgen, wo der Einsatz einer spezifischen Technologie klare Vorteile bietet.

Nicht zuletzt bietet die oben skizzierte, diverse Energiezukunft interessante neue Geschรคftsfelder fรผr Schweizer KMU’s mit ihrer traditionellen Stรคrke im Bereich intelligenter, dezentraler Systeme.

In diesem Sinne

Jรถrg Hofstetter


Quellenangaben:

[1] economiesuisse, 2024, Grundsatzpapier zu Wasserstoff https://www.economiesuisse.ch/de/dossier-politik/wasserstoff-und-erneuerbare-gase-der-energietraeger-der-zukunft . Dazu ist in der NZZ vom 19.7.2024 unter dem Titel โ€œEnergieversorgung mit Wasserstoff: Economiesuisse macht Druck, doch in Europa harzt esโ€ ein Artikel erschienen

[2] Der Umbau der Chemieindustrie, Spektrum der Wissenschaft, 9/2023

[3] https://speicher.aeesuisse.ch/wp-content/uploads/sites/15/2022/05/FESS_Saisonale_Waermespeicher_Positionspaper_2205.pdf

[4] https://news.hslu.ch/interview-speicher-bringen-sommerwaerme-in-den-winter/


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