Buchbesprechung – Die Donut-Ökonomie

Die Ökonomie muss sich im Rahmen der Klimakriese der Frage stellen, ob dauerndes Wachstum weiterhin möglich ist. Einig sind sich fast alle, dass wirtschaftliches Wachstum von Umweltschäden entkoppelt werden muss („grünes Wachstum“). Aber reicht dies? Die Degrowth-Theorie sieht die Lösung in einer schrumpfenden Wirtschaft. Ich habe dazu in einen früheren Beitrag ein entsprechendes Buch von Ulrike Herrmann kritisch hinterfragt. – Heute möchte ich nun das Buch „Die Donut-Ökonomie“ von Kate Raworth vorstellen. Raworth skizziert dabei ebenfalls eine nachhaltige Ökonomie, nimmt dabei aber eine wesentlich differenzierte, pragmatische Haltung zur Wachstumsfrage ein.

Das Buch von Kate Raworth, einer britischen Wirtschaftswissenschaftlerin, arbeitet den Ansatz einer Ökonomie heraus, die uns helfen soll eine gerechte und umweltstabile Gesellschaft zu erreichen. Warum die Autorin ihren Ansatz mit dem Namen eines Gebäcks (Donut) versehen hat, möchte ich hier nicht ausplaudern. Wer die Spannung nicht bis zum Lesen des Buches aushält: siehe Wikipedia die Donut-Ökonomie.
Raworth zeigt in ihrem Buch sehr überzeugend die Grenzen und Beschränkungen der „klassischen“ Ökonomie im Rahmen des Klimawandels und anderer Umweltprobleme auf. Ihr entscheidender Schritt ist nun aber, dass Sie die bestehenden ökonomische Ansätze und Modelle nicht einfach verwirft, sondern um weitere Elemente eines dynamischen, regenerativen Modells erweitert! Ihr ökonomisches Modell ist eingebettet zwischen einer unteren Grenze des Wohlstands für Alle und oberen Grenzen diverser Umweltbelastungen. Die Wirtschaft kann wachsen, solange sie sich innerhalb dieser Grenzen bewegt. Als ersten Schritt propagiert Sie ebenfalls die Entkopplung von Wachstum und Umweltbelastung. Sie „ahnt“ aber auch, dass dies nicht ewig reichen wird. Ich komme darauf zurück.

Wie jedes Buch von über 400 Seiten hat auch dieses Stärken und Schwächen.
Zu den Stärken:
– Ihre Kritik an den aktuellen ökonomischen Modellen ist sehr überzeugend. Sehr differenziert werden diverse Ansätze zitiert und analysiert. Es wird kritisiert, aber immer auch der historische Kontext berücksichtigt.
– Die Darstellung und Präsentation des Donut-Modelles ist gut nachvollziehbar. Man spürt den Mehrwert: Hier wird nicht einfach das „Alte“ zerschlagen, sondern das bereits Erreichte erweitert und ergänzt.
– Die Diskussion des Dilemmas, ob dauerndes Wachstum notwendig ist für unsere Gesellschaft und/oder ob dauerndes Wachstum unsere Lebensgrundlagen zerstört, gehört für mich zum Highlight des Buches. Hier wird ein redliches Ringen um einen Standpunkt sichtbar, alle Argumente werden mit viel Sachverstand offen ausgelegt. Sie zeigt auch, dass ständiges Wachstum (alle kriegen mehr) heute eines der wenigen Instrumente unserer Gesellschaft darstellt, um mit der Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen umzugehen.

Raworth propagiert schlussendlich eine „unverkrampfte“ Einstellung zum Thema Wachstum (Sie nennt dies eine „agnostische“ Sicht). Es wird in Zukunft Bereiche mit Wachstum aber auch solche mit Schrumpfung geben. Ziel muss sein, dabei die oben erwähnten Grenzen nicht zu überschreiten. Obwohl uns heute noch die Instrumente fehlen, sollten wir in Zukunft versuchen, immer mehr Bereiche ohne wirtschaftliches Wachstum, aber trotzdem mit ökonomischer und gesellschaftlicher Stabilität zu schaffen.

Aus meiner Sicht hat das Buch folgende Schwächen:
– Ihre Kritik an der Bepreisung von Umweltschäden ist für mich nicht sehr überzeugend. Sie befürchtet, dass eine Bepreisung die intrinsische Motivation schwächt. Sie bevorzugt eher das Pflegen von Werten, Nutzung von Netzwerken oder Anschubfinanzierungen. Sie erklärt dies anhand einiger Beispiele, die in sich stimmig sind, aber eher „engen sozialen Räumen“ entstammen, also Bereichen mit direkter persönlicher Interaktion. Es gibt aber viele Bereiche der Wirtschaft die funktionieren anonym. Die entsprechende Differenzierung fehlt mir im Buch, und ihre generelle Kritik am Thema Geld erscheint mir etwas zu „idealistisch“.- Persönlich bin ich trotz Ihren Ausführungen weiterhin überzeugt, dass die Bepreisung der Umweltschädigung ganz zentral ist.
– Ihr Kapitel zur Erreichung einer besseren Verteilungsgerechtigkeit erreicht nicht das Niveau der anderen Teile. Bei ihren vorgeschlagenen Handlungsansätzen handelt es sich eher um eine Aufzählung durchaus sympathischer aber etwas idealistischer Ideen. Manche Ihrer „Beweisführungen“ sind dabei nicht sehr überzeugend, alternative Erklärungsansätze für ein beobachtetes Verhalten werden kaum diskutiert.

Trotzdem, alles in allem wirklich ein lesenswertes Buch, welches mir wertvolle Impulse zur schwierigen Frage, wir wir es mit dem Wachstum halten sollen, gegeben hat. In diesem Bereich gehört das Buch für mich zu den Wichtigsten. Ein Buch das auch Hoffnung macht.

Nachtrag: Joyeeta Gupta und Johan Rockström haben dieses Jahr am WEF ihren Bericht zu den „sicheren und gerechten Systemgrenzen der Erde“ vorgestellt. In diesem Bericht werden die im Donut-Modell propagierten Grenzen konkret quantifiziert: https://earthcommission.org/news/publications/just-world-safe-planet/

Kommentare dazu herzlich willkommen (hier oder auf Linkedin unter #bookcase )!


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