Der Europรคischen Gerichtshof fรผr Menschenrechte (EMGR) meint die Schweiz tue zu wenig gegen den Klimawandel. Das schweizerische Parlament ist ganz anderer Meinung und meint die Schweiz mache genug [1]. Wer hat nun recht?
Diese Frage wird uns noch รถfter beschรคftigen. Zu diesem Zweck wurden nationale und internationale Monitoring- oder Tracking-Portale entwickelt, welche den Umbau zu CO2 Netto-Null anhand mehrerer Indikatoren jรคhrlich mit Zielvorgaben vergleichen und bewerten. Schauen wir uns doch an, was einige dieser Portale dazu zu sagen haben.
CO2 Monitoring auf co2nettonull.com

Zuerst zu meinem eigenen „CO2 Monitoring“ fรผr die Schweiz. Basierend auf den dortigen Grafiken eine Status-รbersicht:
| Indikator | Auswertungs-Jahr | Status |
|---|---|---|
| CO2-Emissionen | 2022 | zu langsam Ziel 2030 gemรคss Trend gefรคhrdet |
| Erneuerbare Personenwagen | 2023 | nach Plan |
| Erneuerbare Stromproduktion | 2022 | zu langsam |
| PV Stromproduktion | 2022 | zu langsam |
| Windenergie | 2022 | viel zu langsam |
| Erneuerbare Wรคrme | 2022 | zu langsam |
Bemerkungen zum Auswertungsjahr: Die meisten Auswertungen fรผr 2023 werden erst gegen Ende Juli 24 publiziert. Am 9. Juli 2024 wurde auf Radio DRS publiziert, dass die CO2 Emissionen 2023 gesunken sind. Tatsรคchlich sind aktuell erst ein Teil Emissionen (Brennstoffe und Treibstoffe) publiziert, die gesamten Emissionen 2023 werden erst im April 2025 bekannt gegeben.
Das Positive vorneweg: Sicher sind mit dem neuen Stromgesetzt die Weichen fรผr die erneuerbare Stromproduktion der Schweiz richtig gestellt. Nun muss aber die konkrete Umsetzung folgen.
Zudem gibt mehrere Problem-Felder, deren Lรถsung noch unklar ist. Um nur einige zu nennen: Die CO2-intensive Beton-Produktion, der Umbau der chemischen Industrie weg von Erdรถlprodukten, die Fleischproduktion etc.
Auch sind bei den offiziellen CO2 Emissions-Zahlen die im Ausland durch unsere Importe verursachten CO2 Emissionen, die etwa 3x so gross wie die inlรคndischen sind (siehe Link), und die internationalen Flรผge nicht inbegriffen!
Meine vorsichtig optimistische Sicht: CO2 Netto-Null bis 2050 bleibt fรผr die Schweiz machbar, aber die Anstrengungen in diversen Bereichen mรผssen zunehmen!
https://www.globalcarbonproject.org/ (Juni 2024)
Global Carbon Project verfolgt auf dem Portal „global Carbon Atlas“ weltweit die lรคnderspezifischen CO2- Emissionen.

Zur Anwahl auf der Website:
– Emissions (Hauptmenรผ): Carbon Emissions / Tools: Focus / Emissions: per Capita / Units: tCO2/person / Countries: Switzerland
– 2021 wurde bei der Auswertung gewรคhlt, weil fรผr die Schweiz auf Ebene Konsum keine neueren Daten vorhanden sind.
– Weltweit ist der territoriale (d.h. ganze Welt umfassende) und der konsumorientierte Wert grundsรคtzlich gleich, da es kaum Import/Export รผber die Erde hinaus gibt ๐
| รbersicht fรผr 2021 in Tonnen CO2 pro Person (tCO2/Person) | CH | Welt | EU |
| CO2 Ausstoss innerhalb der Landesgrenzen pro Person (Territorial Per Capita) | 4.1 | 4.7 | 6.3 |
| CO2 Ausstoss pro Person durch gesamten Konsum, Gรผter und Dienstleistungen, auch Importe (Consumption per Capita) | 14 | 4.7 | 7.9 |
Vergleicht man den CO2 Ausstoss in Tonnen CO2 pro Person innerhalb der Schweiz (4.1) mit dem weltweiten Wert (4.7) oder dem EU Wert (6.3), dann prรคsentiert sich die hoch entwickelte Schweiz erstaunlich gut.
Vergleicht man aber den gesamten, inklusiv der durch den Konsum von importierten Gรผtern und Dienstleistungen erzeugten Emissionen (Consumption), dann wird klar, dass die Schweiz massiv CO2 Emissionen โimportiertโ. Auch im Vergleich mit der EU (7.9) ist dies ein sehr hoher Wert. Und ein Absinken dieser Kennzahl ist nicht erkennbar!
Fazit: Die offizielle CO2 Bilanz der Schweiz ist trรผgerisch, da die Schweiz mehr CO2 als andere Lรคnder importiert. Sie verlagert damit das Problem ins Ausland. Wobei die Schweiz auch fรผr diese Emissionen (mit)verantwortlich ist!
Climate Action Tracker Schweiz (Juni 2024)
Climate Action Tracker ist ein internationales Portal, welches lรคnderspezifische Informationen auch fรผr die Schweiz bereit hรคlt.

NDC = Nationally Determined Contributions โ Nationale, vereinbarte Beitrรคge zur Reduktion.
LULUCF = Land Use-Change and Forestry โ CO2 Reduktion durch natรผrliche Senken.
Bereits ein flรผchtiger Blick auf obige รbersicht zeigt: Sowohl die Zielsetzungen (Targets) als auch Umsetzung werden als ungenรผgend (insufficient) beurteilt.
https://www.iea.org/reports/tracking-clean-energy-progress-2023 (Juni 2024)

Die Internationalen Energie Agentur (IEA) publiziert regelmรคssig lรคnderspezifische Berichte zum Umbau zu erneuerbaren Energien.
In der Analyse 2023 zur Schweiz hรคlt der IEA Bericht fest, dass die Schweiz zum Erreichen der Ziele von 2030 weitere substanzielle Anstrengungen machen muss, speziell im Gebรคude- und Transport-Sektor.
In Ihren Empfehlungen hรคlt sie unterem anderem fest:
- Zusammenarbeit mit den Kantonen fรผr die Bewilligung von Energieprojekten von nationalem Interesse muss verbessert werden
- Rechtzeitige Vorbereitung fรผr die Zeit nach 2030 fรผr ein neues CO2 Gesetz
- Festlegung eines Grundsatzes der Energieeffizienz in der Energie- und Klimagesetzgebung
- Angleichung der Vorschriften fรผr den Elektrizitรคtsmarkt an die der Europรคischen Union
All dies tรถnt nach „ziemlich viel Arbeit“ und so gar nicht nach โgenรผgend getanโ. Es ist daher nicht nachvollziehbar, wie unser Parlament zur Aussage gelangt, wir wรผrden genรผgend fรผr den Klimaschutz tun [1]. – Droht hier die Politik den Draht zur Realitรคt zu verlieren? Hoffen wir, dass die Zivilgesellschaft und die Dynamik des Marktes fossilfreier Technologien genรผgend Gegensteuer geben.
Wer รผbrigens argumentiert, dass das, was die Schweiz tue, weltweit nicht relevant sei, weil sie nur einen kleinen Teil der globalen CO2-Emissionen verursacht, der/die betreibt bewusst Verwirrung. JEDES Land, jede Gemeinschaft muss ihre Ziele erfรผllen. Dabei haben die hochentwickelten Lรคnder wie die Schweiz eine besondere Verantwortung, weil sie in ihrer Entwicklung bereits bedeutend mehr CO2 emittiert haben.
PS: Wer eine vergleichbare Antwort fรผr Deutschland sucht, wird hier fรผndig: https://tracker.ariadneprojekt.de/de/
Quellen:
[1] https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20240054
Zitat aus der Botschaft „Effektiver Grundrechtsschutz durch internationale Gerichte statt gerichtlicher Aktivismus“ des Nationalrates, 12.6.24:
„…. dass die Schweizer Stimmbevรถlkerung das Bundesgesetz รผber die Ziele im Klimaschutz, die Innovation und die Stรคrkung der Energiesicherheit vom 30. September 2022 angenommen hat, das ein Netto-Null-Ziel fรผr 2050, ein Zwischenziel fรผr 2040 sowie Durchschnittsziele fรผr die Jahre 2031-2040 und 2041-2050 festlegt;
dass die Bundesversammlung โ in Umsetzung der internationalen Verpflichtungen im Rahmen des รbereinkommens von Paris โ die klimapolitischen Ziele und Massnahmen bis 2030 am 15. Mรคrz 2024 beschlossen hat (รnderung des CO2-Gesetzes), sodass keine Regelungslรผcke besteht;
dass das รbereinkommen von Paris den Vertragsparteien nicht vorschreibt, nationale Treibhausgasbudgets auszuweisen, dass sich aber aus den bis 2050 festgelegten Durchschnittszielen der Schweiz letztlich ein Treibhausgasbudget ableiten liesse;
dass die Schweiz ihre internationalen, vรถlkerrechtlich verbindlichen Klima-Verpflichtungen, bislang eingehalten hat, insbesondere jene gemรคss Kyoto-Protokoll;
dass die Schweiz daher keinen Anlass sieht, dem Urteil des Gerichtshofs vom 09. April 2024 weitere Folge zu geben, da durch die bisherigen und laufenden klimapolitischen Bestrebungen der Schweiz die menschenrechtlichen Anforderungen des Urteils erfรผllt sind. „
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