Solarstrom und Versorgungssicherheit: Fakten oder Stimmungsmache?
Mitte Februar verรถffentlichte Avenir Suisse in der Weltwoche eine Stellungnahme zur Solarenergie [1]:
„Der einseitige Fokus auf Solarstrom fรถrdert die Versorgungssicherheit im Winter nur bedingt und gefรคhrdet gleichzeitig die Bezahlbarkeit.“
Doch basiert diese Aussage auf fundierten Fakten โ oder handelt es sich eher um Stimmungsmache gegen die Solarenergie?
Die Autoren weisen richtigerweise darauf hin, dass kรผnftig insbesondere an Sommermittagen ein รberschuss an Solarstrom aus Photovoltaik (PV) entstehen wird. Sie berechnen, wie viel รผberschรผssiger Sommerstrom anfรคllt, und stellen die Frage: โLassen sich fรผnfzehn TWh Sommerstrom ins Winterhalbjahr retten?โ Basierend darauf kalkulieren sie die Kosten fรผr die Speicherung dieser Energiemenge und kommen zum Schluss, dass diese teurer wรคre als der Bau eines groรen Kernkraftwerks.
Was haben wir daraus gelernt? Die Speicherung von 15 TWh Sommerstrom fรผr den Winter ist extrem teuer โ dem stimme ich voll zu.
Allerdings liegt das Problem in der Fragestellung: Anstatt den tatsรคchlichen saisonalen Speicherbedarf im Winter zu betrachten, wird einfach der gesamte Sommerรผberschuss (15 TWh) als Referenz genommen โ obwohl diese Menge gar nicht benรถtigt wird! Doch dazu spรคter mehr.
Thomas Nordmann hat die Thematik kรผrzlich auf LinkedIn treffend zusammengefasst [2]:
„Die PV-Skeptiker leiden unter der Fehlรผberlegung zur zwingend notwendigen PV-Nutzung im Sommer. Es gibt keinen รถkonomischen oder technischen Zwang die zukรผnftig immer gรผnstigere im Sommer produzierte PV zwingend fรผr den kommenden Winter speichern zu mรผssen. Die damit verbundenen Speicherkosten z.B. mit Wasserstoff sind [zu] teuer“.
Wichtig zu verstehen: Eine nicht genutzte PV-Anlage verbraucht keine Ressourcen, verursacht keine Emissionen und erzeugt keinen zusรคtzlichen Abfall. Solarstrom wird in den Sommermonaten kรผnftig fรผr einige Stunden nahezu wertlos sein und in manchen Fรคllen abgeregelt (also nicht genutzt) werden โ technisch ist das kein Problem. PV-Anlagenbesitzer profitieren dafรผr zukรผnftig im Winter von hรถheren, endlich marktgerechten Strompreisen. Lokale Nutzung, etwa fรผr das Laden von Elektrofahrzeugen oder fรผr Stromspeicher innerhalb von Elektrizitรคtsgemeinschaften, bleibt aber sinnvoll.
Brauchen wir also wirklich 15 TWh Speicherstrom fรผr den Winter?
In einem kรผrzlich hier vorgestellten Bericht „Saisonale Speicher gegen Dunkelflaute“ haben ich zusammen mit Bernhard Suter untersucht, wie sich die Stromversorgung im Jahr 2050 unter einer ausgebauten PV-Infrastruktur (ohne Kernkraftwerke) in einer extremen Situation verhalten wรผrde: Eine starke Dunkelflaute รผber 14 Tage bei gleichzeitigem Importausfall รผber 22 Tage. Grundlage unserer Analyse waren zwei verschiedene Stromszenarien der ETH. Die Ergebnisse zeigen, dass wir mit Unterstรผtzung unserer Speicherkraftwerke regulรคre Solarflauten problemlos รผberbrรผcken kรถnnen.
Fรผr den beschriebenen Extremfall โ der nur alle paar Jahre eintreten wird โ benรถtigen wir 2050 jedoch 1โ2 TWh Reserveenergie in Form von saisonalem Speicher. Das ist weit entfernt von den behaupteten 15 TWh! Hรถchstwahrscheinlich wird diese Reserveenergie in Form eines chemischen Speichers wie e-Methanol vorliegen โ eine COโ-neutrale Lรถsung, die sich einfach und kostengรผnstig in groรen Mengen speichern lรคsst.
Doch selbst diese 1โ2 TWh werden in der Schweiz voraussichtlich nicht aus รผberschรผssigem Sommerstrom gewonnen. Aus wirtschaftlichen Grรผnden ist es sinnvoller, sie zu importieren und zu lagern, da die entsprechenden Produktionsanlagen in der Schweiz nur selten genutzt wรผrden. Zudem wird diese Reserve nur alle paar Jahre benรถtigt โ eine teure Eigenproduktion wรคre wirtschaftlich kaum tragbar.
Fazit: Eine Analyse zeigt, dass die von Avenir Suisse diskutierten 15 TWh zusรคtzlichen Speicherkapazitรคt, neben den 8-10 TWh an Speicherseen, nicht erforderlich sind. Die Diskussion um saisonale Speicherung sollte sich an realem Bedarf orientieren โ nicht an fiktiven Szenarien.
Fรผr weitere Informationen, alle unsere Hintergrundberichte zum Thema Saisonale Speicher.
[1]
Blogbeitrag Avenir Suisse
Weltwoche-Bericht
[2]
Linkedin-Artikel Thomas Nordmann
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Korrigenda: Leider habe ich in meinem Blog selber auch einen Zahlensalat angerichtet ๐
Ich vergleiche dort die tatsรคchlich benรถtigten 1-2 TWh Reserveenergie mit den 15 TWh, welche Avenir Suisse als Basis fรผr Ihre Berechnungen genommen hat.
Im Falle ihrer Berechnungen fรผr die Batteriekosten stimmt mein Vergleich. Sie erfassen dort die Kosten um Strom in Batterien mit einer Speicherkapazitรคt von 15 TWh zu speichern.
Im Falle ihrer Wasserstoff-Berechnung kann man die beiden Zahlen aber nicht direkt vergleichen. Dort rechnet Avenir Suisse, was es kostet 15 TWh in Wasserstoff zu speichern. Da diese Speicherung aber sehr verlustreich ist (Wirkungsgrad von ca. 30%), wรผrde damit nur ca. 5 TWh an nutzbarer Energie gespeichert!
Dies ist aber immer noch bedeutend mehr als die benรถtigten 1-2 TWh, welche nicht mal jedes Jahr gebraucht werden.
Fรผr meinen Zahlensalat mรถchte ich mich entschuldigen. Meine zentralen Aussagen bleiben aber bestehen.