Autor: Jörg Hofstetter —
Per 1. Januar 2026 hat der Bundesrat neue Zwischenziele für den Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion bis 2030 festgelegt (1). Die erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) sollen bis dahin 23 TWh erreichen – davon entfallen 18,7 TWh auf die Photovoltaik (PV) und 2,3 TWh auf die Windkraft. Diese Werte konkretisieren die langfristigen Ausbauziele des Stromgesetzes für 2035 und 2050.
Unter Fachleuten gilt: Die Ziele sind machbar, aber äusserst ambitioniert – insbesondere im Bereich Windenergie. Wie im Sport können hohe Ziele anspornen, bergen aber in diesem Fall auch die Gefahr politischer Instrumentalisierung. Ein Verfehlen der Ziele könnte fälschlicherweise als Argument für den Neubau von Kernkraftwerken genutzt werden, selbst wenn dies fachlich nicht schlüssig wäre.
Warum Energieszenarien voneinander abweichen
Es gibt wissenschaftlich fundierte Modelle z.B. der ETH (2), die Szenarien mit deutlich geringeren PV-Produktionszahlen kalkulieren. Sind diese „falsch“, weil sie nicht mit den Bundesratszielen übereinstimmen?
Die Wahrheit ist komplexer, denn die PV-Stromproduktion existiert nicht im luftleeren Raum. Sie hängt vielmehr von einem dynamischen Gefüge mehrerer Faktoren ab. Um nur einige zu nennen:
- Energiemix: Viel Windenergie im Winter (wenn PV schwächelt) reduziert den Bedarf an PV und dämpft die sommerliche Überproduktion.
- Speicherkapazitäten: Batterien und insbesondere Speicherseen bestimmen mit, wie viel PV-Produktion wir im Winter tatsächlich benötigen.
- Importe & Autonomie: Ein europäischer Energieaustausch ist ökonomisch und aus Sicht Versorgungssicherheit sinnvoll. Die politische Vorgabe, Winterimporte zu limitieren (wie im Stromgesetz festgehalten), ist eher ein politisches Statement zur Autonomie als eine wissenschaftliche Notwendigkeit.
- AKW-Laufzeiten: Die hohen PV-Ziele des Bundes bis 2035 und der eher geringe weitere Ausbau bis 2050 deuten darauf hin, dass bei den Vorgaben des Stromgesetzes früher als in anderen Szenarien mit dem Wegfall substanzieller Kernkraft-Kapazitäten gerechnet wurde.
- Technologische Entwicklungen: Technische Innovationen können jederzeit zu Anpassungen führen.
Fazit: Es gibt nicht das „einzig richtige“ Ziel. Sinnvolle Ausbaupfade hängen von vielen Variablen ab und müssen laufend agil angepasst werden.
Das neue Monitoring: Vom Ziel-Fixwert zum Ziel-Korridor
Angesichts dieser Komplexität scheint mir für das CO2-Monitoring ein Vergleich mit einem einzigen, fixen Zielwert nicht mehr zeitgemäss. Dieses wird daher in den kommenden Monaten auf ein Modell mit einem Ziel-Korridor umgestellt.

Die obige Grafik verdeutlicht diesen Ansatz:
- Monatliche Daten (Grau): Zeigen die reale PV-Produktion inklusive saisonaler Schwankungen. Die monatliche Sicht ermöglicht ein zeitnahes updaten der Daten.
- Gleitender Mittelwert (Rot): Um Vergleiche anstellen zu können müssen die Jahreszeitlichen Schwankungen gefiltert werden. Dazu wird für jeden Monat der Mittelwert der jeweils zurückliegenden 12 Monate gerechnet – ähnlich wie bei der laufenden Messung der Teuerung in der Volkswirtschaft.
- Trendanalyse (Rot gepunktet): Der Trend (hier exponentiell) dieses gleitenden Mittelwertes zeigt auf, wohin wir uns bei gleichbleibendem Wachstum bewegen.
- Der Ziel-Korridor (Grün): Die obere Grenze markiert die Ziele des Bundesrates, die untere Grenze basiert auf einem moderateren Szenario von Nationalrat Jürg Grossen (3).
Aktuelle Einschätzung des PV Ausbaus Ende 2050
Obiges Beispiel zeigt: Bis 2025 lag die PV-Entwicklung knapp unterhalb des Korridors und hat diesen Ende 2025 gerade erst erreicht. Wenn wir das aktuelle Wachstum von ca. 20 % pro Jahr halten können, erreichen wir die Bundesratsziele bis 2030.
Doch Vorsicht ist geboten. Es gibt durchaus Trends, welche das weitere Wachstum bremsen könnten. So kann es etwa durch den zunehmenden PV-Überschuss im Sommer zu Einspeisebegrenzungen kommen. Daraus resultierende unklare Einspeisevergütungen könnten Investoren verunsichern. Zudem ist zu vermuten, dass es zukünftig eine Entwicklung weg vom simplen maximalen Ausbau hin zu Eigenverbrauchsoptimierung und Speicherlösungen geben wird.
In dieser Situation zeigt sich der Wert eines zeitnahen Monitorings mit einem Ziel-Korridor. Laufend aufdatiert warnt es uns rechtzeitig, wenn die Schere zwischen politischem Anspruch und wirtschaftlicher Machbarkeit zu weit auseinander gehen und bietet eine faktenbasierte Grundlage um rechtzeitig über Korrekturmassnahmen zu diskutieren, ohne voreilig in ideologische Debatten zu verfallen.
(1) https://energeiaplus.com/2025/11/27/bundesrat-hat-ausbauziele-fuer-pv-und-wind-bis-2030-definiert/
(2) Siehe https://co2nettonull.com/strom-szenarien-der-schweiz-bis-2050/ Nexus-e: interconnected energy system modeling platform der ETH https://nexus-e.org/eip-eth-collaboration-rethink-future-swiss-electricity-supply/ Szenarien: eip_reference, eip_prevention_renewable
(3) Ist-Daten: Swiss Energy Charts, Untere Grenze des Zielkorridors: Energieszenario Nationalrat Grossen aus 2024, publiziert auf Axpo Power Schwitcher. Obere Grenze des Zielkorridors: Zielwerte des Bundesrates
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